Rhazes

Aus Mittelalter-Lexikon
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Rhazes (Mohammed Abu Bakr Ibn Zakkarija, gen. al-Razi, ca. 865 - 925). Geboren in Raj (Persien), studierte in seiner Heimatstadt und in Bagdad. Führender islam. Universalgelehrter seiner Zeit, bewandert in den klassischen griechischen Werken zu Anatomie, Heilkunde, Pharmazie, Mathematik, Astronomie, Alchemie und Philosophie, Kenner der Schriften Platos, Aristoteles´ und Galens, Mitglied der Akademie von Bagdad. Er wendet sich gegen kritiklose Übernahme überkommener Ansichten und gegen spekulatives Theoretisieren und fordert eigenständige Beobachtung und gewissenhaftes Experimentieren. Religionen gegenüber ist Rhazes skeptisch: sie beruhten auf irrationalen Grundlagen, errichteten hierarchische Strukturen unter den prinzipiell gleichermaßen vernunftbegabten Menschen und seien an vielen Kriegen Schuld. Als Arzt beschäftigte er sich mit Chirurgie, Dermatologie, Geburtshilfe, Ophthalmologie (er beschreibt u.a. die Lichtreaktion der Pupille), Stomatologie, Epidemiologie und Pharmakologie (Drogenkunde, Toxikologie, Qualitätskontrolle). Dem Gouverneur von Raj, Mansur Ibn Ishaq, widmete er das medizinische Werk Kitab al-Mansuri (lat. Liber Almansoris). Seine Schriften wurden im 12. Jh. in lat. Übersetzung auch im christl. Abendland bekannt. So etwa die Beschreibung mehrerer Krankheiten, die bis dahin unbekannt bzw. nicht beschrieben waren (u.a. Knochentuberkuose, Tollwut, Lepra; er unterschied als erster klar zwischen Pocken und Masern) und verschiedene Werke zu Arzneimittelzubereitungen (wobei er u.a. anregt, übel schmeckende Arzneien als verzuckerte Pillen zu verabreichen). Er behandelte Kochenbrüche mit Gipsverbänden.
Von seinen wahrscheinlich über 200 Schriften sind nur 36 erhalten geblieben. Seine Schüler sammelten seine akribisch geführten Aufzeichnungen über klinische Beobachtungen und Erfahrungen, und gaben die posthume Sammelschrift "Kitab al-Hawi" (allumfassendes Buch) heraus, die in lat. Sprache unter dem Titel „Liber continens“ („Buch der Erhaltung“ [der Gesundheit]) Ende des 13. Jh. in Europa bekannt wurde (und bis ins 17. Jh. benutzt werden sollte). Seine Lehre über ®Hautkrankheiten erschien in Europa unter dem Titel "De tumoribus praeter naturam". Sein alchemistisches Hauptwerk war das dreibändige "Buch des Geheimnisses der Geheimnisse". Es behandelt systematisch 1.) die zur chemischen Kunst benötigten Stoffe und deren Derivate, 2.) die dazu notwendigen Gerätschaften (40 chemische Apparaturen, darunter Öfen, Siebe, Filter, Tiegel, Abzugsrohre, Kolben, Destilliergeräte) und 3.) die jeweilige Verfahrenstechnik (u.a. Amalgamieren, Dekantieren, Destillieren, Digestion, Filtration, Kalzination, Koagulation).
Er entwickelte eine Theorie über das Hervorgehen der Welt aus den fünf Urprinzipien Gott, Materie, Seele, Raum und Zeit.
(s. Kinderheilkunde, Secretum secretorum, Tuberkulose)