Schweine

Aus Mittelalter-Lexikon
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Schweine (mhd. swin, lat. porcus; su [swinmuoter, muoterswin, varchmuoter], swinrüde [ber], specswin [Mastschwein], verkelin [spenferkel, varch]; lat. sus, aper, porculus) gehören zu den ältesten Wirtschaftstieren des Menschen und waren die wichtigsten Fleisch- und Fettlieferanten. Kaum irgendwelche Bestandteile des Tierkörpers blieben ungenutzt: Blut füllte man zusammen mit mit kleingehackten Teilen in Wurstdärme, als Leckerbissen galten „Gekröse“ (mhd. gekroese, kutel, kutelvlec) und „Geschlinge“ (mhd. geslinc, geslinge; alles, was im Zusammenhang mit dem Schlund erschlachtet wurde: Zunge, Lunge, Herz, Leber, Nieren, Zwerchfell), die Harnblase nahm man als Bespannung für Fenster, Magen und Därme nutzt man als Hüllen für Würste und Pasteten, Kopf und Füße ergaben eine vorzügliche Sülze, Knochen benutzte man für Schnitzereien oder zum Kochen von Leim, die Schwarte wurde zu Leder, die Borsten zu Pinseln und Bürsten verarbeitet, mit den unteren Eckzähnen des Keilers, den „Hauern“ (mhd. houwer), glätteten Schreiber das Pergament.
Dem Umfang nach übertraf die Schweinehaltung bei weitem die Rinder- und Schafhaltung. Die bevorzugte Feld- und Waldweide (in Eichen und Buchenwäldern) fand sich besonders im norddeutschen Tiefland und in Bayern.
Die Nutzschweine im ma. Nordeuropa waren Abkömmlinge des Wildschweins (Sus scrofa ferus), aus dem schon in vorgeschichtlicher Zeit Hausschweine gemacht worden waren. Sie werden beschrieben als von schwärzlicher bis graubrauner oder auch roter Farbe des dichten Fells, mit deutlicher Stehmähne auf der Mitte des Rückens, mit langem, spitzschnauzigem Kopf, spitzen Stehohren und hochbeinigem, grobknochigem Bau, als flachrippig und karpfenrückig. Die Rassemerkmale haben sich über lange Zeit erhalten, da es immer wieder zur Blutauffrischung durch Wildeber (Keiler) kam. Die Tiere waren spätreif und erst mit 4 - 5 Jahren (bei einer Rückenhöhe von ca. 60 - 75 cm) ausgewachsen. Um Winterfütterung zu sparen, wurden im Herbst die Jungtiere geschlachtet und das Fleisch eingepökelt.
Schweineherden von 25 - 50 Tieren wurden vom Schweinehirten auf die Waldweide der Eichen- und Buchenforste getrieben. Häufig waren sie vorher mit einem Brenneisen gekennzeichnet worden, um sie von nicht mastberechtigten Schweinen unterscheiden zu können. Die Leitschweine – ältere, erfahrene Tiere – trugen Glocken am Hals, um dem Hirten die Ortung der Herde zu erleichtern. Gelegentlich kam bei der Waldweide auch die Haltungsform des "Tüderns" vor, wobei die Tiere unterhalb des Sprunggelenks an den Hinterbeinen angebunden wurden und sich ihr Futter im Umkreis der Länge des Stricks suchen mussten. (Dies wird belegt durch archäoosteologische Befunde, vor allem von verheilten Frakturen an Schienbeinen der Tiere.) Um zu verhindern, dass Mastschweine in umhegte Felder einbrachen, wurden sie gelegentlich „gejocht“, d.h. ihnen wurde ein dreieckiges Holzgestell um den Hals gelegt, mit dem sie Zäune und Hecken nicht durchdringen konnten. Stallhaltung war allenfalls für Muttersauen bekannt. Im HMA. wurden Schweine nicht nur auf dem Lande, sondern auch in den wachsenden Städten gehalten. Dort hatten sie weitgehende Bewegungsfreiheit in den Straßen, und wurden erst morgens vom swinhirte auf die außerhalb der Mauern gelegene Weide getrieben. Zwar sollte durch die Schweinehaltung eine gewisse Autarkie der städt. Fleischversorgung in Notzeiten sichergestellt werden, jedoch waren zu viele Schweine aus Gründen der Hygiene unerwünscht. (Der Gestank war so unerträglich geworden, dass daran die "lude irstenkten", also erstunken seien.) Andererseits trugen Schweine durch die Aufnahme von Haushaltsabfällen zur Abfallbeseitigung bei. Eine Hamburger Verordnung von 1476 z.B. sah vor, dass jeder Bürger sechs, die Bäcker zehn Schweine halten durften. Von der Blüte der Schweinehaltung im SMA. zeugt ein Eintrag im HDA, Bd. VII, Sp.1470/1471: "Als Beispiel dafür sei erwähnt, dass um Walde Bußhart zwischen Bruchsal und Philippsburg in Baden 1437 etwa 50.000 Schweine in die Eichelmast gingen."
Seiner großen Bedeutung als Fleischlieferant entsprechend wurden das Schwein - und mit ihm der Schweinehirt - in den germanischen Volksrechten (z.B. Lex Salica) und im ma. Recht behandelt. Das Töten eines Schweinehirten wurde durch erhöhtes Wergeld geahndet. Diebstahl von Sauen, Ferkeln, Mastschweinen und Ebern war mit jeweils besonderem Bußgeld belegt. Im capitulare de villis finden sich Vorschriften zur Schweinehaltung und zum rechten Umgang mit Produkten aus Schweinefleisch. Reglementiert waren auch die Nutzung der Mastwälder und die die städtische Schweinehaltung (s. Tierhaltung).
In der ma. Symbolsprache war das Schwein zumeist negativ bewertet, stand für Faulheit, Laster, Sünde und Versuchung, selten für Fruchtbarkeit. Die Sau galt als Reittier der Hexen und des Teufels; im Angangsaberglauben galt sie als übles Zeichen. Nur der wilde Eber – Sinnbild der Tapferkeit – hat Bewunderung und sogar Eingang in die Heraldik gefunden.
Hildegard von Bingen hält das Schwein – das Hausschwein mehr als das Wildschwein – für ein ein unreines Tier, erklärt sein Fleisch als ungesund für Kranke und Gesunde; einzig Schweineleber tauge als Kräftigungsmittel für Hinfällige. In ihrem Buch der Tiere (VII, Kap. XVII) steht: "Das Schwein ist warm und hat eine hitzige Natur. Es ist schleimig, weil keine Kälte es reinigt, und ziemlich eyterecht (= vollen Gift). ... Doch ist sein Fleisch ungesund ..., weder für Gesunde noch für Kranke empfehlenswert. ... Ein Schwerkranker jedoch ... soll das Fleisch von Ferkeln zu sich nehmen,... damit er aus ihrer Wärme Wärme gewinne." - Diese Geringschätzung beruht wahrscheinlich darauf, dass das Schwein im AT und im NT als „unrein“ diffamiert wird.
Trotz dieses Verdikts war kein Teil des Schweinekörpers oder seiner Ausscheidungen - ob Knochenmark, Schmalz, Blut oder Zähne, Milch, Kot oder Urin - , der nicht eine Bedeutung in Zauberei, Brauchtum und Volksmedizin gehabt hätte.
Attributiv erscheint das Schwein bei den Heiligen Blasius (s. Heilige) und ®Antonius von Ägypten. Ersterer hatte das einzige Schwein einer armen Witwe aus dem Rachen eines Wolfes gerettet, dem anderen wurde das Schwein ursprünglich als Symboltier des Versuchers zugesellt, erst später wurde es als unter besonderem Schutz des Heiligen stehend erkannt.
(s. Baumfrevel, Fleisch, Hirt, Judensau, Rotlauf, Tierhaltung, Tiersymbolik, Wildschwein)