Sprichwort

Aus Mittelalter-Lexikon
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Sprichwort (mhd. sprichwort, spruchwort, das allt gesprochen wort, altsprochen, gemeines wort, spruch, ahd. biscaft, biwort, bispel; lat. proverbium). Volkstümliche Erfahrungsweisheit in kurzer, zugespitzter Fassung, einprägsamer Formulierung (Rhytmus, Alliteration, Reim, Metaphorik) und von langanhaltender Konstanz des Wortlauts. Durch seine syntaktische Eigenständigkeit unterscheidet sich das Sprichwort von der ®sprichwörtlichen Redewendung, die erst in einen Satzzusammenhang eingefügt werden muss. Von der ® Sentenz hebt sich das Sprichwort vor allem durch seine Volkstümlichkeit und durch seine Anonymität ab.
"Das Mittelalter - was Chroniken und sogar Rechtstexte widerspiegeln - ist die große Zeit der Sprichworte." (Ernst Schubert) - Das älteste überlieferte dt. Sprichwort findet sich im ahd. Hildebrandslied (9. Jh.): "mit geru scal man geha infahan, ort widar orte" (Mit dem Speer soll der Mann Gabe empfangen, Spitze gegen Spitze". Jüngere Sprichwörter, wie sie etwa von dem St. Gallener Mönch Notker II. Labeo in De partibus logicae (11. Jh.) überliefert wurden, lassen bereits eine durch Sesshaftmachung und Christianisierung veränderte Moral erkennen. Als älteste dt. Sprichwortsammlung gilt Fecunda ratis (Das vollbeladene Floß), zusammengetragen um 1023 von Egbert von Lüttich. Sie enthält u.a. auch dt. Sprichwörter in lat. Fassung. Eine Sprichwortsammlung aus dem 12. Jh. war betitelt Versus de proverbiis vulgaribus, enthielt also volkstümliche Sprichwörter in Reimform – wohl im Gegensatz zu Sprichwörtern der gelehrten Kreise. Derlei Sammlungen dienten zur sprachlichen wie moralischen Unterweisung von Klosterschülern. Ein beträchtlicher Teil der Sprichwörter stammt von antiken Schriftstellern, aus der Bibel oder ist aus anderen europäischen Sprachen übernommen. Neuentstandene Sprichwörter stammen meist von anonymen Urhebern, nur wenige lassen sich Autoren zuordnen (z.B. Spervogel, Freidank, Hugo von Trimberg). Bekannte, schon im MA. geläufige Sprichwörter sind z.B.:
aus der Antike: „Schuster, bleib bei deinem Leisten“, „Eine Hand wäscht die andere“;
aus der Bibel: „Den Seinen gibts der Herr im Schlaf“, „Hochmut kommt vor dem Fall“, „Die Letzten werden die Ersten sein“, „Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande“;
auch bei anderen europäischen Völkern geläufig: „Lügen haben kurze Beine“, „Neue Besen kehren gut“, „Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht“, „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, „Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist“, „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, „Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul“, „Hunde, die bellen, beißen nicht“, "Hunger ist der beste Koch", „Ist die Katze aus dem Haus, so tanzen die Mäuse“, „Der Weiber weinen ist heimlich lachen“, "Dreitägiger gast ist eine last", "Das nie man so böse ward, er were an etwe gut", "Argwohn ist des Teufels Metze", "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus"; "Wenn man eim ein finger beut, will er die faust gar haben";
aus ma. Rechtsgut (z.B. Sachsenspiegel, Mainzer Reichslandfrieden) stammen: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, „Den Dieb soll man henken, die Hure ertränken“, „Augen auf, Kauf ist Kauf“, „Wer die Augen nicht auftut, tut den Beutel auf“, „Stadtrecht bricht Landrecht“, „Gewohnheit bricht Recht“, „Mein Haus ist meine Burg“ (s. Haimburger Stadtrecht v. 1244: „Wier wellen auch, daz einem iegleichen purger sein haus sein veste sei“), „die ee was geschaffen/vor münchen und vor phaffen“ (betont die Vorrangigkeit des weltlichen Eheschlusses), „Der Ältere soll teilen, der Jüngere wählen“, „Ein Zeuge – kein Zeuge“ („Unus testis – nullus testis“), „Gedanken sind frei“ (in Freidanks „Bescheidenheit“: „... gedanke nieman vahen kann ... Dar umbe sint gedanke fri ...“).
(s. Bausch, Blindheit, Müller, Paarformeln, Rechtssprichwort, Sprichwörtliche Redewendung)