Fachwerk

Aus Mittelalter-Lexikon
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Fachwerk (Selbsttragendes und -stützendes Gerüst eines Hochbaus aus Holzbalken, dessen Zwischenräume (Gefache) mit verschiedenen Materialien ausgefüllt sind). Nach archäologischen Befunden bestanden Häuser aus der Zeit vor der hma. Stadtgründungsphase (ca. 1050 - 1250), soweit sie nicht als Steinbauten errichtet waren, meist aus Fachwerk- (Holzskelett-), seltener aus Bohlenkonstruktionen. Während des 13. bis 15. Jh. hat die Fachwerk-Bauweise den städt. Hausbau keineswegs so dominiert, wie dies in der Neuzeit bis zum frühen 18. Jh. der Fall war. In manchen Städten mag das Überhandnehmen des Fachwerkbaus im 15./16. Jh. als politisches und wirtschaftliches Absinken gewertet werden (etwa in Lemgo, Höxter und vielleicht in Goslar). Die ältesten erhaltenen Fachwerkbauten stammen aus der 2. Hälfte des 13. Jh., und zeigen bereits einen hohen technischen und künstlerischen Stand, woraus auf eine weiter zurückreichende Tradition geschlossen werden kann. Aus der Zeit vor etwa 1250 haben sich keine Fachwerk-Baudenkmäler erhalten, da Bauten dieser Zeit mit eingegrabenen Pfosten oder eingetieften Schwellenfundamenten eine Lebensdauer von nur wenigen Jahrzehnten hatten. (Das wohl älteste erhaltene Fachwerkhaus steht in Esslingen/Neckar, Heugasse 3, und stammt aus dem Jahr 1261.) Mit dem Aufkommen des Schwellenbaus auf Steinfundamenten, in den Städten ab dem 12. Jh., auf dem Land ab dem 13./14. Jh., erhöhte sich die Lebensdauer der Fachwerkhäuser beträchtlich. Das hölzerne Skelett baut dabei auf der waagrechten Schwelle (mhd. geswell) auf, in die die senkrechten Ständer (Säulen, Stiele) eingezapft sind. Die waagrechte Verbindung wird durch Riegel, die schräge Aussteifung durch Streben hergestellt. (Von der Säule nach oben weisende Streben heißen Kopfstreben, nach unten gerichtete werden Fußstreben genannt.) Die Ecksäulen sind besonders stabil durch die Sturmbänder abgestützt. Die Ständer werden durch den oben aufliegenden Rahmen (Rähm, Bundbalken, Oberschwelle) verbunden und durch schräge Fußstreben gestützt. Die Gefache (Leerräume zwischen Säulen, Riegeln und Streben) werden durch Ästeflechtwerk (Wellerwand) mit strohdurchmengtem Lehmausstrich, durch Bohlen oder durch Ausmauerung (Bruchsteine, Ziegelsteine) gefüllt. Das Flechtwerk bestand aus 1 - 3 cm starken geraden Stockausschlägen von Hasel, Weide, Erle, Hainbuchen und anderen Gehölzen.
Mehrgeschossige Häuser hatten entweder je einzeln ausgezimmerte Stockwerke oder ein durch Geschossbalken aufgeteiltes Skelett, dessen Ständer über alle Geschosse reichten (Ständerbau, s. Geschossbau). Vorkragende Deckenbalken wurden beim Stockwerksbau gegen die Ständer durch gekehlte Winkelhölzer, sog. ®Knaggen, abgestützt. – Die offenliegenden Balken der Fachwerkfassaden sind auf rhytmische Flächengliederung und künstlerische Detaillierung ausgelegt. Die Kontrastwirkung der Fassaden wird durch Kälkung der Lehmgefache, vom 15. Jh. an auch durch farbigen Anstrich (Schwarz, Rot) des Holzwerks und Begleitfarbigkeit (Fortsetzung des Holzanstrichs in die Gefachfläche hinein) erhöht.
Die landschaftstypische Erscheinung von Fachwerkbauten ist von großer Unterschiedlichkeit; es lassen sich wenigstens fränkische, hessische, thüringische, rheinische, alemannische und niederdeutsche Ausformungen unterscheiden. Eine auf das 15. Jh. zurückgehende Sonderform stellt das „Umgebindehaus“ im Dreiländereck Deutschland/Polen/Tschechien dar, bei welchem innerhalb des das Dach und das Obergeschoss tragenden Gerüstes aus Pfosten, Rahmen, Riegeln und Kopfbändern die nicht-tragenden Wände der Stube und Gewerbe- und/oder Stallräume stehen. Deren Wände sind häufig – zumindest teilweise – in Blockbauweise errichtet, und so ergibt sich der Vorteil, dass ein trocknungsbedingtes Schrumpfen der Blockbauwände sich nicht auf das Gerüst überträgt. Ein weiterer Vorteil dieser Bauweise könnte darin gesucht worden sein, dass sich die Vibrationen des in der Stube betriebenen Webstuhls nicht auf das Hausgerüst übertrugen.
Neben den reinen Fachwerkhäusern gab es Mischbauten, bei denen ein Teil (z.B. der rückwärtige oder seitliche Saalbau oder die Kemenate) massiv (Block- oder Steinbau), der übrige Wohn- und Wirtschaftsbereich in Fachwerkkonstruktion errichtet worden war.
(s. Ausfachung, Gefach, Geschossbau (Ständerbau), Holzbau, Stockwerksbau)