Mauerwerkstechnologie

Aus Mittelalter-Lexikon
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Mauerwerkstechnologie. Bis zum 12. Jh. führte man in Gegenden, in denen Stein nur in Form von Findlingen (Feldsteinen) vorkommt – etwa in den Ländern der norddeutschen Küsten und Tiefebenen –, Mauern aus naturbelassenen oder nur roh behauenen Brocken auf. Diese wurden schichtenweise derart in eine Holzschalung gelegt, dass sich eine äußere und innere Mauerwand ergab (zweischaliges Bruchsteinmauerwerk); den sich ergebenden Zwischenraum füllte man mit kleineren Steinen aus, verbleibende Hohlräume wurden mit Gipsmörtel vergossen. Die Schalungshöhe betrug 0,70 bis 0,80 m, die Mauerstärke ca. 1,30 m. Der aus dem Mauerwerk hinter die Schalung austretende Mörtelbrei floss zu einem putzartigen Mauerkleid zusammen. Im 12. Jh. ging man in Norddeutschland bei Großbauten (Burgen, Stadtbefestigungen, Kirchen) zum ®Backsteinbau über.
Andernorts hatte die herkömmliche Art der Werksteingewinnung Steine unterschiedlichen, eher zufälligen Formats ergeben, wodurch das Setzen eines jeden Steins eines Steinmetzen bedurfte, um ihn dem jeweiligen Ort anzupassen, und eines Maurers, um ihn einzufügen. Da Fertigung und Versatz synchron verliefen, konnten beide nur während der Schönwetterperiode erfolgen. Gebäude dieser Zeit sind daran zu erkennen, dass das Mauerwerk keine durchgehenden Lagerfugen aufweist. Hinweise auf Hebezeuge sind nicht erhalten; man geht davon aus, dass die Quader über Rampen an ihren jeweiligen Versatzort gebracht worden sind. (Beispiel: Krypta im Dom zu Speyer.)
Wohl in röm. Tradition stehen Mauerwerke des 9. – 11. Jh., deren Quader relativ klein sind und bei gleicher Höhe lagerhaft verlegt werden können. Wegen der uneinheitlichen Länge sind übereinanderliegende vertikale Stoßfugen nicht zu vermeiden. (Beispiele: Königshalle Lorsch, Einhardsbasilika Steinbach.) Größere Quader finden sich allenfalls an den Gebäudeecken.
Zwischen dem 10. und dem 13. Jh. kam es zu einer bedeutenden Umwälzung in der Herstellung von Mauerwerk, ohne die die enormen Bauleistungen der Gotik nicht denkbar gewesen wären. Die Neuerung bestand darin, Werksteine (Hau- und Backsteine) gleicher Höhen und Längen herzustellen und damit durchgehende Mauerwerkschichten in wesentlich kürzerer Zeit zu erstellen. Aufgrund der exakten Quadertechnik der Steinmetze benötigten die Maurer kaum noch Mörtel für die (vertikalen) Stoß- und die (horizontalen) Lagerfugen. Zudem konnten die Steinmetze während der winterlichen Bauruhe Werksteine auf Vorrat fertigen, die von den Maurern in der Bausaison verarbeitet wurden. Steinmetze, Ziegelbrenner und Maurer konnten jahreszeitlich unabhängig voneinander arbeiten. Zudem waren die Werkmeister darum bemüht, die Anzahl unterschiedlicher Werksteinformen klein zu halten, um die Lagerhaltung zu vereinfachen.
Im Endeffekt ergaben die Neuerungen in der Mauerwerkstechnologie (Serienfertigung, Einsatz einer größeren Zahl von Handwerkern über den Winter, voneinander unabhängiges Arbeiten von Steinmetzen und Maurern, Rationalisierung und Perfektionierung der Werksteinformen; s. Steinmetzzeichen) eine bedeutende Erhöhung des Bautempos. Zur Verbesserung der Standfestigkeit großer Mauerwerkskörper bediente man sich hölzerner Keile oder solcher aus Blei oder Keramik, durch welche die Steinquader in eine optimale Position gebracht wurden, wobei die Fugen nachträglich mit Mörtel ausgegossen wurden. Bei geneigten Fugen von Maßwerksteinen arbeitete man gelegentlich in die Stirnflächen Rillen ein, die mit dünnflüssigem Mörtelbrei ausgegossen wurden. Darüberhinaus benutzte man metallene Klammern, welche die Werksteine untereinander verbanden, und deren Sitz mit Blei ausgegossen wurde.
(s. Backsteinbau, Bauhandwerk, Bauhandwerker, Bauhütten, Baumaterialtransporte, Bausteine, Hilfsarbeiter, Mörtel, Schalenmauer, Steinbrüche, Werkzeuge zur Steinbearbeitung, Ziegelherstellung)