Pilgerfahrten

Aus Mittelalter-Lexikon
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Pilgerfahrten (mhd. wallevarten, wallunge, wallerie; lat. peregrinationes, expeditiones). Pilgerfahrten ins Heilige Land waren in Europa seit dem 4. Jh. bekannt und erlebten während der Karolingerzeit eine erste Blüte, bevor sie infolge des politischen Niedergangs sowie wegen der Raubzüge der Sarazenen, Ungarn und Normannen im 9. Jh. fast gänzlich zum Erliegen kamen. Seit dem 10. Jh. kam es zu einer Neubelebung des Pilgerwesens, das im 12./13. Jh. seine volle Ausprägung als europäisches Massenphänomen fand und wahre Pilgerströme in Bewegung setzte. Gefahren wurde, entgegen der Bezeichnung, fast nie. Pilgerfahrt war, von Fluss- oder Seestrecken abgesehen, Wanderschaft. Am Ende des MA., also noch vor der Reformation, verlor das religiöse Reisen an Ansehen: Schuld daran waren der massenweise Missbrauch des Pilgerwesens seitens falscher Pilger und ein neues, nach Verinnerlichung strebendes Frömmigkeitsideal.
Es gab ®Wallfahrten von lokaler Bedeutung, etwa zu einer Gnadenkapelle der näheren Umgebung und Fernwallfahrten von überregionalem und internationalem Rang, so die Pilgerfahrten nach San Gargano (s. Erzengel), nach ®Mont St. Michel, nach ®Santiago de Compostela, nach Tours (s. Martini), nach Canterbury (s. Thomas Becket) oder zu den Hochstätten der Christenheit in ®Rom. Die Pilgerreise ins Heilige Land sollte wegbereitend für die ®Kreuzzüge werden.
Vor einer Pilgerfahrt ordnete man seine Angelegenheiten und machte sein Testament, bestimmte für die Dauer der Abwesenheit einen Stellvertreter, versorgte sich mit kirchlichen und weltlichen ®Geleitsbriefen, nahm Abschied von Familie und Freunden, versöhnte sich mit seinen Feinden, beichtete und empfing den Pilgersegen. Aufbruch war meist im späten Frühjahr oder frühen Sommer, wenn die Tage länger, das Wetter beständig, Wege und Pässe passierbar waren und die Flüsse noch ausreichend Wasser führten. (Das Hauptfest des hl. Jakobus wurde daher vom 30. Dezember auf den 25 Juli verlegt.) Die Pilgerstraßen waren Routen, an denen auch in siedlungsarmen Gebieten Klöster und geistl. Hospize Unterkunft und Verpflegung boten. Sollte einmal der Schlafsaal für die Menge der Pilger nicht ausreichen, wurde die Kirche für Übernachtende freigegeben. Die Verköstigung richtete sich nach dem Wohlstand des Klosters und war unterschiedlich für Arme und Reiche; bot man dem einfachen Pilger Mus, Brot und Käse, so speisten Vornehme Fleisch oder Fisch. Insgesamt konnte sie das Leistungsvermögen eines Klosters derart strapazieren, dass für die Mönche kaum mehr etwas für den Eigenbedarf übrigblieb. Außer in kirchlichen Einrichtungen kamen viele Pilger auch in den Häusern von Laien und Geistlichen unter, oder sie kampierten unter freiem Himmel. Ende des 12. Jh., als die herkömmlichen Übernachtungsmöglichkeiten den Pilgerströmen nicht mehr gewachsen waren, entstanden die ersten Pilgerhospize.
Pilgerbriefe, von der heimatlichen Pfarrei ausgestellt, von Herbergsvätern unterwegs und am Wallfahrtsziel bestätigt, erleichterten den Zugang zu Pilgerspitälern. Wer mit Geleit- und Empfehlungsschreiben versehen war, fand in den Städten bei Zunftgenossen, bei mildtätigen Laien oder bei Geistlichen Gastfreundschaft. Am Ziel angekommen, nach Restaurierung des Äußeren, suchte man das jeweilige Heiligtum auf, um sein Anliegen im Gebet vorzubringen, Gelübde einzulösen oder abzulegen, um Heilung oder Segnung zu erlangen oder um sich einer auferlegten Strafe zu entledigen. Man erwarb ®Pilgerzeichen für sich und geheiligte Devotionalien (Kreuze, Rosenkränze, Kerzen, Weihwasser, Amulette etc.) für die Daheimgebliebenen.
Eine glückliche Rückkehr wurde mit Dankgottesdienst und einer Spende an die Kirche begangen. Weniger glückliche, die unterwegs an Entkräftung oder Krankheit, durch Unfall oder Verbrechen umgekommen waren, durften hoffen, vom Schutzpatron ihrer Pilgerschaft in den Himmel geleitet zu werden. (Man schätzt, dass im Heiligen Jahr 1350 ca. 30 % der Rompilger auf der Reise oder in Rom starben.) An den Pilgerstraßen und Pilgerzielen gab es Friedhöfe für Reisende, so den Campo Santo Teutonico an der Peterskathedrale in Rom, der mit seiner Pilgerherberge auf die Zeit Karls d. Gr. zurückgehen dürfte.
Pilgerfahrten in ferne Gegenden brachten neben der Befriedigung eines religiösen Bedürfnisses Kenntnisse von fremden Sprachen und Sitten, von Baustilen, Moden und Handelswaren anderer Länder; sie förderten am Rand der Pilgerstraßen die Einrichtung von Hospizen, Gasthäusern und Märkten; mancherorts wurden durch fromme Stiftungen Brücken gebaut, wo vorher Pilger im reißenden Fluss ertrunken waren.
Pilger waren unterwegs vielfältigen Missständen und Gefahren ausgesetzt. So drohten lange Schlechtwetterperioden, Unwetter, überfüllte Herbergen, schlechte Wege, gefahrvolle Furten, ungesicherte Bergübergänge und verfallene Brücken. Berügerische Geldwechsler, raffgierige Wirte, erpresserische Fährleute oder Zöllner, Räuber, Diebe und Piraten, feile Dirnen und falsche Führer suchten vom Pilgerwesen zu profitieren.
Als Pilgerfahrt (passagio generale) wurde auch die Teilnahme an Kreuzzügen propagiert. Als zusätzlichen Anreiz – über erwartete Reichtümer und Abenteuer und dem Loskommen aus bedrückenden Verhältnissen hinaus – wurden Sündenablässe in Aussicht gestellt, sowie Vergünstigungen wie Befreiung von Steuern und Schutz vor gerichtlicher Verfolgung.
Erheblich und kaum kalkulierbar waren die Kosten, die während einer Pilgerfahrt für Waren, Gebühren und Dienstleistungen anfielen. Es summierten sich Kosten für Unterkunft und Verpflegung, für Kleidung und Schuhwerk, für Bad- und Arztbesuche, für Münzentausch und Personalpapiere. Dazu kamen Ausgaben für vielerlei Zölle und Gebühren, für Schiffs- und Fährpassagen, für die Dienste von Übersetzern und Wegekundigen und immer wieder für größere und kleinere Bestechungen. Am Ziel der Pilgerreise wurden Geldbeträge für ein Almosen, für Votivgaben und Pilgerzeichen erwartet. Armen Pilgern sollten gewisse Abgaben - etwa das Brücken- oder Fährgeld - ermäßigt oder ganz erlassen werden, Mildtätigkeit gegen sie galt als gottgefälliges Werk - Umstände, die immer wieder von Betrügern ausgenutzt wurden und zum Niedergang des Pilgerwesens beitrugen.