Trauer

Aus Mittelalter-Lexikon
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Trauer (mhd. trure, triure; lat. tristitia). Niedergeschlagenene, tief betrübt bis verzweifelt gestimmte Gemütszustände gehören zum Repertoire menschlicher Emotionen. Unterschiede bei Anlässen, Tiefe des Erlebens und Reaktionsweisen ergeben sich nach der jeweiligen Standeszugehörigkeit und nach den Umständen der Zeit. Was das MA. betrifft, so stand im Zentrum christlicher Trauer das Bedenken des Leidens Jesu sowie der eigenen Sündhaftigkeit und der daraus resultierenden Beleidigung Gottes. Tränen die darüber vergossen wurden, galten zumindest der Kirche als die wertvollsten. Niedriger wurde die Trauer bewertet, die ihre Ursach hatte in schicksalshaften Ereignissen wie dem bevorstehenden eigenen Tod oder dem Ableben nahestehender Personen, auch in Verstümmelung, erheblichen materiellen Verlusten oder in schuldhaftem persönlichen Versagen.
Was den Tod anbetrifft, so war dieser im MA. allgegenwärtig und hat den einzelnen im Durchschnitt viel früher betroffen als uns Heutige. Trotzdem darf angenommen werden, dass ein Gewöhnungseffekt nicht stattgefunden hat, dass ein liebender Gatte um sein totes Weib oder eine Mutter um ihren erschlagenen Sohn nicht weniger getrauert hat, als es unserem Gefühl entspricht.
Gesten der Trauer waren teils spontan, teils ritualisiert. Üblich waren Weinen, Schluchzen, Seufzen, Klagen, Händeringen, Haareraufen, Kopfverhüllen, Selbstpeinigung u.ä. Damit half sich der Trauernde zum einen selbst über sein Leid hinweg, zum anderen demonstrierte er dem Toten wie den Lebenden die Größe seines Schmerzes. Bei derlei Äußerungen konnte man sich durch das ritualisierte Geschrei von Klageweibern oder Seelfrauen unterstützen lassen, die auch Totenwache hielten. Die Kirche wandte sich gegen maßlose Totenklage (ululatus excelsus) und empfahl Andacht, Gebete und geistliche Gesänge. Tatsächlich ist die überlaute Äußerung von Emotionen noch im MA. als unpassend empfunden worden.
Bezüglich der Kleidung Trauernder gab es keine festen Regeln. Üblich dürfte - ausweislich bildlicher Darstellungen - Alltagstracht in Weiß oder gedeckten Farben (Grau, Beige) gewesen sein, Kopftuch oder Kapuze, auch mönchsähnlicher Habit. Schwarz als Trauerfarbe ist erst am Ende des MA. üblich geworden. Als Fürstliche Trauerfarbe galt Violett.
Die Trauerzeit war je nach Landschaft, verwandtschaftlicher Nähe und gesellschaftlichem Stand des Toten unterschiedlich geregelt, und musste von Witwen meist meist länger gehalten werden als von Witwern. Üblich waren eine 40-tägige und eine einjährige Trauerfrist. Während der Trauerzeit galten bestimmte Verhaltensvorschriften, etwa das Verbot, außer Haus zu gehen oder an Lustbarkeiten teilzunehmen.
Beileidsbriefe sind nur von hochrangigen Persönlichkeiten überliefert, so etwa von Kaiser Friedrich II., der sich tröstend an einen Vater wendet, dessen Sohn in seinen Diensten gefallen war, oder von Enea Silvio Piccolomini, dem späteren Papst Pius II, der seinem Freund Kaspar Schlick zum Tod seiner Gattin kondoliert. In vielen Briefen wird der Tod als grausamer Zerstörer angeklagt, der Schicksalsschlag aber auch als Beweis von besonderer Gottesnähe gedeutet.
Trauer kann wahnhafte Züge annehmen. Gelehrte Ärzte rechneten sie dann der ®Melancholie zu (s. Geisteskrankheiten) und behandelten sie entsprechend der ® Säftelehre.
(s. Karfreitag, Sterben, Tod, Tränen)