Berthold von Regensburg

Aus Mittelalter-Lexikon
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Berthold von Regensburg (bruoder Berthold von Regenspurc, um 1210 – 72; wegen seiner volksnahen Art des Predigens hat man ihm den Beinamen „Rusticanus“ [zum einfachen Volk gehörig] gegeben. Mit "Rusticani" bezeichnete man seine lat. Predigten.) Berthold wurde wahrscheinlich in Regensburg geboren und trat als Novize in das dortige Minoritenkloster ein. Möglicherweise studierte er an der 1228 gegründeten franziskanischen Ordensschule von Magdeburg als Schüler des Bartholomäus Anglicus. Seit 1240 ist er als Prediger in Augsburg bezeugt. Er entwickelte sich zum populärsten Volksprediger des Jahrhunderts. Seine Predigtfahrten führten ihn durch Süd- und Mitteldeutschland, die Schweiz, das Elsaß, Österreich, Böhmen, Mähren, Schlesien und Ungarn; wohin er auch kam, versammelten sich große Menschenmassen, um seine gemeinverständlichen, leidenschaftlichen und bildkräftigen Predigten zu hören, in denen er nie den sicheren Boden seiner theologischen Schulung verlässt. In den nicht deutschsprechenden Ländern machte er sich über einen Dolmetscher verständlich. Da Kirchenräume für so große Mengen Volks zu eng waren,- es ist die Rede von bis zu 200.000 Zuhörern, - predigte Berthold auf freiem Feld von einer erhöhten Plattform aus. Dabei hatte sich die Zuhörerschaft nach der Windrichtung aufzustellen. Auf seinen Predigtreisen trat er oft in Begleitung des Franziskaners ®David von Augsburg auf. 1263 wurde er, zusammen mit ®Albertus Magnus, zum Kreuzzugsprediger gegen die häretischen Bewegungen, vor allem gegen die ®Waldenser, ernannt.
Berthold war vom nahe bevorstehenden Weltende überzeugt. Von daher waren seine Hauptanliegen Umkehr und Reue der Christenheit und Abkehr von der sündigen, in allen Ständen von Übeln durchtränkten Welt. Häufig nutzte er die stilistische Form einer Streitrede zwischen Gott und Satan. Vor allem in seine lateinischen Predigten sind viele Zitate aus Schriften der Kirchenväter, großer Schultheologen und der Kanonisten, sowie Bibelzitate und Legenden eingarbeitet. In ihrer literarischen und sprachlichen Qualität stellen sie "einen Gipfel der mittelalterlichen Prosa" dar (D. Richter).
Predigttexte Bertholds haben sich in lat. und dt. Sprache erhalten. Die zwischen 1250 und 1255 entstandenen ca. 250 lat. Predigten sind in der Sammlung "Rusticani (de Dominicis, de Sanctis, de Communi Sanctorum)" zusammengestellt. Aufschlussreich sind nicht zuletzt Bertholds Angriffe gegen alle möglichen – einzeln aufgeführten – Arten von Aberglauben.
Die unter Bertholds Namen überlieferten dt. Predigten sind nicht immer authentisch, sie gehen großenteils auf Nachschriften oder Nachempfindungen zurück. Trotzdem sind sie ein wertvolles Zeugnis für die von Sittenverwilderung, politischen Unruhen und von Glaubenszweifeln geprägten Zeitumstände und für die Entwicklung der dt. Prosa.
Zeugnis für den Ruf von Bertholds Rednergabe (gratia predicandi) legt eine Äußerung Roger Bacons ab, derzufolge Berthold allein durch seine Predigt segensreicher gewirkt habe als alle Brüder der Franziskaner und Dominikaner zusammen.
Von Berthold stammt auch die Handschrift "Beichtsumme", eine ins Deutsche übertagene und alphabetisierte Fassung des Bußbuchs "Summa Confessorum" des ®Johannes von Freiburg.
(s. Antisemitismus, Gebärden, Gesellschaftsordnung, Mode, Predigt)