Dingbedeutsamkeit

Aus Mittelalter-Lexikon
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Dingbedeutsamkeit. Der von Karl-Sigismund Kramer geprägte volkskundliche Begriff bezeichnet die über die materielle Beschaffenheit und den instrumentellen und funktionalen Dinggebrauch hinausgehende affektbesetzte und emotionsgeladene Sinngebung an Objekte und Gegebenheiten der alltäglichen Lebenswelt. Im ma. Denken kam der "Dingbeseelung" aus magisch-mythologischen und christl.-religiösen Quellen große Bedeutung zu, und fand ihren Niederschlag in der ®Symbolik, in der ®Allegorie und in Vorstellungen des ®Aberglaubens. Je nachdem, ob die Gestalt eines Gegenstandes, der Stoff aus dem er besteht oder seine Funktion ausschlaggebend für seine Bedeutung sind, spricht man von Gestalts-, Stoff- oder Funktionsbedeutsamkeit.
Für ma. Theologen war Dingbedeutungskunde wesentlich sowohl bei der Auslegung der biblischen Offenbarungen wie bei Deutung der Gegebenheiten (res) der Welt, die als Zeichen (signa) der transzendenten Wirklichkeit zu verstehen waren. Jedes geschaffene Ding (signum) hat eine significatio (mhd. bezeichenunge, bezeichenheit), welche als Schlüssel zur Erkenntnis (relevatio) der geschaffenen Welt aus ihrem geistigen Hintergrund (sensus spiritualis) erkannt werden muss.
Als Stütze auf dem Weg der Exegese standen ma. Klerikern - wohl auch Architekten, Musikern, Bildhauern und Malern - Verzeichnisse und spezielle Traktate zu den verschiedenen Sinnträgern zur Verfügung. Mittelalterliche Bestiarien, Herbarien und Lapidarien stellen weniger naturwissenschaftliche Lehrbücher dar als Ausdeutungen von Tieren, Pflanzen und Edelsteinen nach deren geistigem Sinn.
Hugo v. St. Victor unterschied sechs Sinnträger-Gattungen: persona (exemplarische Menschen wie Propheten, Apostel, Könige), res (z.B. Tiere, Pflanzen, Mineralien), numerus (Zahlen als weltordnendes Prinzip), locus (die Verweishaftigkeit natürlicher oder erbauter Räumlichkeiten, z.B. eines Berges, einer Stadt, einer Kirche), tempus (der Ort eines Geschehens in der Geschichte) und gestum (das Handeln Gottes und der Menschen, Vorgänge in der Natur). Zu ergänzen wären sinntragende Kategorien wie Farbe, geometrische Figuren, Wörter, Buchstaben,Gebärden und räumliche Anordnung (beispielsweise stehen "links und rechts" für alt und neu, Zeitlichkeit und Ewigkeit, Verdammnis und Erlösung, Traum und Wachen, Feind und Freund, Diesseits und Jenseits).
Beispiele für Dingbedeutsamkeit: Das Herdfeuer, das als Zeichen für den Hausstand schlechthin verstanden wurde. Wer "mit Feuer und Rauch" im Ort ansässig war, galt als vollwertiger Gemeindegenosse. Das Anzünden des Herdfeuers begründete, das Löschen beendete die Rechte des Hausherren. Der Fremde, der am Herdfeuer aufgenommen wurde, war damit des gastfreundschaftlichen Schutzes sicher. – Der Stein oder das Heiligengebein, bei welchen Eide oder Richtsprüche gesprochen wurden, um ihnen die Festigkeit und Dauerhaftigkeit von Fels oder die Heiligkeit von Reliquien zu verleihen. – Der Löwe kann als Zeichen für Christus gedeutet werden (wie im Physiologus) oder als das des Teufels (wie in 1. Petr. 5,8). - Die aus himmlischem Tau in der Muschel angelegte Perle deutet auf Jesus, der durch überirdische Macht durch die Jungfrau Fleisch geworden ist.
(s. Bestiarium, Farbensymbolik, Herbarien, Lapidarium, Rechtssymbolik, rechts und links, Typologie, Zahlensymbolik)