Höfische Kultur

Aus Mittelalter-Lexikon
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höfische Kultur (mhd. hövescheit, lat. curialitas; zu mhd. hövesch, mlat. mores curiae, aus d. Frz. curtois eingedeutscht zu kurtois, kurteis.) Im HMA. hatte sich in der Schicht der Herren, ihrer Damen (mhd. vrouwe, vrowe = Herrin) und der ihnen dienenden Ritter, Knappen, Pagen, Frauen und Mägden nach frz. Vorbild - und abweichend von asketischen Lebensidealen - ein elitäres Lebensgefühl herausgebildet, dessen Ideale bis in unsere Zeit wirksam blieben. Vom Wohn- und Lebensbereich dieser Schicht (die nur etwa 5 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte), dem "Hof" an Adelssitzen oder Ritterburgen, leitet sich die Bezeichnung "höfesch" oder "hovelich" her – als Gegenwert zum dörperlichen, bürgerlichen und auch klerikalen Lebensstil. Als "hovelich" galt einer, der hilfsbereit, sauber, schamhaft, tapfer, milde, treu, bescheiden und zuvorkommend war, sich elegant kleidete und Gott und die Frauen ehrte. Die höfische Kultur war gekennzeichnet durch das System der ritterlichen Tugenden, durch das Ideal der höfischen Minne, durch Verhaltensnormen für alltägliche und festliche Situationen (von Tischsitten bis Turnierkunst), durch Hinwendung zu Dichtung und Musik, zu Spiel und gehobener Unterhaltung, durch die Suche nach Bewährung in aventiuren und durch das Verlangen nach Schönheit in Natur und Kunst. Immer wieder gelang es der Kirche, Einfluss zu nehmen, so etwa beim Initiationsritus der ®Schwertleite oder bei den Anforderungen an einen Streiter Christi (s. Militia Christi). Orientalische Einflüsse machten sich seit den Kreuzzügen (etwa von 1100 an) bemerkbar.
Hövescheit wurde als Summe ihrer Ideale kaum je erreicht, im Einzelnen oft bis zur Karikatur übersteigert und wegen Hochmuts, Eitelkeit und Verschwendungssucht von einem Teil der Geitlichkeit gegeißelt, während höchste geistliche Würdenträger dem gleichen Lebensstil mit Jagen, Tafeln und festlichem Gepränge anhingen.
Es ist nachvollziehbar, dass sich die höfische Gesellschaft, die "Gottesritter", keinen anderen, als einen höfischen Gott vorstellen konnte. Sie dachte sich Gott als ihr höchstes Mitglied, als den himmlischen Kaiser, als obersten Kriegs- und Lehnsherrn. Der höfische Gott war an der Ehre seines Streiters nicht weniger interessiert, als an dessen Seelenheil.
Durch zuchtloses Betragen (Schelten, Spotten, Unmäßigkeit usf.) stellte man sich als Ritter außerhalb der höfischen Gesellschaft, man enthovewist sich. Bewusst unhöfisch machte sich ®Neidhart durch seine Schmählieder auf das affektierte Gehabe, zu welchem höfische Sitte vielfach verkommen war.
(s. Disziplin, Festmahle, höfische Dichtung, höfische Minne, höfischer Roman, Hofzuchten, Minnesang, Ritterlichkeit, Tischzuchten, Turnier, Umgangsformen)