Turnier

Aus Mittelalter-Lexikon
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Turnier (aus dem frz., turnoi = rasches Wenden, hier: des Pferdes; auch ritterspil; früheste Erwähnung 1127 in den „Gesta Friderici“ des Otto von Freising: „ ... tirocinium quod nunc turneimentum dicitur ...“; lat. auch hastiludium = ein mit Lanzen durchgeführtes Kampfspiel). Das mhd. Wort turnei steht einmal als Sammelbegriff für alle seit dem 12. Jh. von Frankreich her in Mode gekommenen ritterlichen Kampfspiele, zum andern für den Schaukampf zweier Reiterhaufen mit stumpfen Waffen (das "turnei"). Dabei sprengten zwei von Hauptleuten kommandierte Geschwader aufeinander los; das von keinerlei Taktik gelenkte Gefecht löste sich bald in Gruppen- und Einzelgefechte auf. Der aus dem Sattel Gestoßene gab sich gefangen und musste sich manchmal durch Hingabe von Ross und Rüstung oder durch Lösegeldzahlung freikaufen. Für erbelose junge Ritter konnte Turnierbeute zu einer Art Vermögensbildung werden. (Diese Praxis erhöhte zwar den Reiz des Spiels, war aber mit dem ritterlichen Geist schlecht vereinbar: Der Ritter ohne Fehl und Tadel kämpfte „durch die frouwen, durch ere“, und nicht „umbe guot“.) <br< Andere Kampfspiele waren der ®Tjost, der ®Buhurt, das ®Plankengestech, der ®Puneiz, das ®Scharfrennen und das ®Feld- oder Freiturnier (frz. pas d´armes).
Mitverantwortlich für das Aufkommen des Turniersportes dürften die Friedenserlasse gewesen sein, wie sie vom 10./11. Jh. an von Frankreich her in Mode kamen: durch sie sollte der Rauf- und Fehdelust der Adligen gesteuert werden, unter welcher vor allem die ländliche Bevölkerung zu leiden hatte. (s. Gottesfriede, Landfrieden)
Turniere waren meist Teil herausragender Feste der adeligen Gesellschaft ("hochgeziten" wie Hoftage, Taufen, Vermählungen, Schwertleiten usw.) oder sie fanden zu regelmäßig wiederkehrenden Terminen statt. Sie gaben Gelegenheit zur Bewährung im Wettkampf, zum Sehen und Gesehenwerden, und nicht zuletzt ging es um das Stimulans bewundernder Frauenblicke. Dabei wurde aus manchem Spiel blutiger Ernst. Besonders das Scharfe Rennen, bei dem zwei Ritter in voller Rüstung mit eingelegter scharfer Lanze aufeinander zusprengten, forderte dermaßen viele Opfer, dass die Kirche seit 1130 (Konzil von Clermont) – wiederholt, aber letztlich erfolglos – den Turniersport („pestifer ludus torneamentorum“, „insanus ludus hastilis“) durch Exkommunikation und Verweigerung eines kirchlichen Begräbnisses zu unterbinden suchte. Letztlich zog sich die Kirche auf einen eleganten Kompromiss zurück: Turniersport war sündhaft, sofern er nicht dem Kriegstraining diente („... non nisi causa exercitii militaris“). Papst Johannes XXII. hat 1316 das Turnierverbot aus Einsicht in dessen Wirkungslosigkeit aufgehoben (Bulle „Quia in futurorum“).
Die Teilnahme an Turnieren war anfänglich kaum reglementiert, erst im hohen Mittelalter musste die Turnierfähigkeit von einem ®Herold aufgrund genealogischer Gegebenheiten attestiert werden. Wappen und Farben als heraldische Legitimation schmückten Schild, Helmzier, Waffenrock, covertiure (Überwurf) des Pferdes, wurden auf Fahnen gezeigt und wiederholten sich auf der Kleidung des Trosses.
Der Turnierkampf selbst und die moralischen Ansprüche an die Teilnehmer unterlagen ®Turnierregeln, über deren Beachtung Kampfrichter und Herolde, aber auch die Gemeinschaft der Turnierenden und das edle Publikum wachten.
Die Turniere wurden zu immer umfänglicheren Massenveranstaltungen und daher zunehmend ungeeignet, um intra muros - sei es im Hof oder Zwinger einer Burg oder auf dem Marktplatz einer Stadt - ausgetragen zu werden. Eine Wiese oder ein mit Strohmist, Stauberde oder Sand bedeckter Platz am Rande einer größeren Stadt, in welcher den höfischen Gästen samt deren Equipage standesgemäße Unterkunft und Versorgung geboten war, stellte den klassischen Turnierplatz dar. Hier wurde die Kampfbahn abgeschrankt, wuchsen die hölzernen Tribünen, wuchsen ganze Städte von Buden und Zelten aus dem Boden. Schon vor dem eigentlichen Turniertage herrschte quirliges Treiben, strömten Schaulustige und fahrendes Volk zusammen. Tierdompteure, Spielleute, Narren, Gaukler samt ihrem Anhang sorgten für kurzweilige Unterhaltung.
Den Turniertag begannen die Teilnehmer mit einer Messe. Danach wurde bei der "Wappenschau" die ®Turnierfähigkeit der Kämpfer geprüft, der Turniereid abgelegt und die Einteilung der Kampfscharen bzw. -paarungen vorgenommen. Nachdem die phantastisch herausgeputzte Ritterschaft den hohen Damen und Herren gehuldigt hatte, gaben Trompeten das Signal zum Kampfbeginn. Knappen standen in der Arena bereit, um ihrem Herrn beim Aufsitzen aufs Pferd und beim Absteigen behilflich zu sein und um zersplitterte Speere durch neue zu ersetzen.
Als Schiedsleute amteten Kampfrichter und Herolde, während Aufpasser (griezwarte, griezwertel, zu griez = sandbedeckter [Kampf-] platz) direkt im Kampfgewühl auf die Einhaltung der Regeln achteten.
Den Abschluss eines Turniers bildeten die Überreichung der Preise (z.B. Ehrenkränze, Ringe, Goldketten, Edelsteine) durch die Damen und Edelfräulein und eine Tanzveranstaltung, zu der nur unmittelbare Turnierteilnehmer Zutritt hatten.
Die städt. Geschlechter (Patrizier), die im Aufgebot der Bürgerwehr die berittenen Abteilungen stellten, trafen im Kampf oft auf ritterliche Geschwader, mussten also deren Kampfesweise gewachsen sein. Sie schufen sich nach höfischem Vorbild eigene Turniere, die vor allem von wehrhaften Kaufleuten besucht wurden. So veranstalteten beispielsweise 1281/82 die Magdeburger Kaufherren auf der Elbinsel ein Turnier, das Teilnehmer aus den Städten am Harz anzog.
Die sma. Turniere hatten keinen Wert mehr als militärische Waffenübung; sie stellten stattdessen einen Spitzensport erster Klasse dar. Als bloße Schau- und Festveranstaltungen wurden sie daher auch treffender als Ritterspiele (mhd. ritter-spil) bezeichnet.
(s. Froschmaulhelm, Helm, Kolbenturnier, Quintane, Ringelstechen, Turnierrüstungen und -waffen)