Landfrieden

Aus Mittelalter-Lexikon
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Landfrieden (mhd. lantvride; mlat. constitutio pacis, pax generalis, p. terrae, p. provinciae. Das deutsche Wort kommt erstmals 1264 in einem lat. Rechtsstatut vor: „pax, que lantfrede vulgariter appellatur“). Unter L. sind Rechtsnormen zu verstehen, die das friedliche Zusammenleben der Bevölkerung sichern sollen. Erste Friedensgebote finden sich in den Kapitularien Karls d. Gr.; dieser hatte sich energisch um die Festigung der Staatsgewalt und um die Zurückdrängung der Fehde bemüht. In der nachkarolingischen Zeit, die vom Niedergang der Staatsmacht gekennzeichnet war, nahmen Kriminalität und Selbsthilfe wieder dramatisch zu. Dieser Entwicklung stellte im sich 10./11. Jh. zunächst die Kirche mit den ®Gottesfrieden entgegen, die an karolingische Vorbilder anknüpften. Vom 11. Jh. an sorgten die Landesherren durch zeitlich begrenzte Landfriedensordnungen (pax terrae, pax provinciae) für Ordnung und Sicherheit in ihren Territorien. (Schwäbische Landfriedenseinung unter Heinrich II. in Zürich, entsprechende Einungen in Ostfranken 1058, Thüringen 1069, in Goslar für Sachsen 1069, Ulm 1093). Besonders gegen das ausufernde Fehdeunwesen und die wachsende Schwerkriminalität wurden im 13. Jh. drakonische Gesetzesverschärfungen verfügt. Unter anderem wurde der Unterschied zwischen ®handhafter und übernächtiger Tat aufgehoben, wurden die meisten schweren Strafsachen peinlich erledigt, verschwand die unterschiedliche strafrechtliche Behandlung Freier und Unfreier. Das ®Asylrecht wurde dahingehend eingeschränkt, dass offenbare Landfriedensbrecher vom Asylherren an die Gerichtsbarkeit ausgeliefert werden mussten. Unter besonderem Schutz standen – wie schon unter dem Gottesfrieden des ausgehenden 10. Jh. – Kleriker, Mönche und Nonnen, Frauen, Pilger, reisende Kaufleute, Jäger, Fischer und Bauern sowie schutzwürdige Institutionen wie Dörfer, Kirchen, Friedhöfe, Mühlen, Brücken, Fähren und Königsstraßen und Wasserwege. Die auf Donnerstag bis Montagmorgen befristeten Landfriedensordnungen richteten sich außer gegen die "wilde" (nicht förmlich angesagte) Fehde besonders gegen die Kriminalität ®landschädlicher Leute und vagabundierender Banden. Landfriedensordnungen enthielten neben den Strafgesetzen auch Bestimmungen zu Burgen- und Städtebau, Münzwesen, Abgaben, Zöllen, Sozialordnungen, Lohntaxen etc.
Die territorialen Landfriedensordnungen fanden vom 12. Jh. an ihre Ergänzung durch die ebenfalls befristeten ®Reichslandfrieden, deren erster der von Mainz (1103) war. Hervorzuheben sind der Reichslandfrieden von Friedrichs I. Barbarossa von 1152, mit dem er seine Regierung antrat, der Landfriede von Roncaglia (1158), der Rheinfränkische Friede (1179) und seine Constitutio contra incendiarios (1186; Erlass gegen Mordbrand im Verlauf einer Fehde). Ferner der königliche Landfrieden von 1224 (Treuga Henrici) unter Heinrich IV. und der große Mainzer Landfriede (1235 unter Friedrich II.) sowie als letzter der von Worms unter Maximilian I. (1495).
Die Reichslandfrieden gelten als erste Strafgesetze des MA. Nachdem 1220/32 den Fürsten reichsrechtlich die Regalien überlassen worden waren, wurden sie durch territoriale Landfrieden ergänzt. (s. Fürstengesetze)
In dem – nunmehr auf unbegrenzte Dauer verkündeten – „Ewigen Landfrieden“ (1495) wurde private Rechtsdurchsetzung durch Fehde endgültig für unrechtmäßig erklärt. Die regionalen Landfrieden verloren von da an an Bedeutung.
(s. Landfriedensbruch)