Reinheit

Aus Mittelalter-Lexikon
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Reinheit (mhd. reinekeit, reinikeit, v. reine, rein = frei von Schmutz, klar, lauter; i. übertr. S. = ohne Krankheit, Makel oder Sünde; lat. munditia, integritas, castitas). Reinheit im moralischen und theologischen Sinn bedeutete frei sein von Sünde, Arglist und dämonischen Kräften. Reinheit war Vorbedingung für den Umgang mit dem Heiligen (s. heilig). Als unrein machend galten die Enflüsse unreiner Geister und die durch sie bewirkten Krankheiten (besonders die Lepra und „Besessenheit“) sowie Geschlechtsverkehr, Pollution, bestimmte Dispositionen des weiblichen Organismus´ (Menstruation, Schwangerschaft, Geburt), grobe Verstöße gegen göttliche und menschliche Gesetze und Kontakt mit tabuisierten Menschen. Da das Unreine die Reinheit zunichte machen konnte, hatte man es von sich fernzuhalten: man stieß Lepröse aus der Gemeinschaft aus, exkommunizierte Sünder, verbannte Schwerverbrecher, vollzog Lebensstrafen außerhalb der Stadtmauern, mied den Umgang mit verrufenen Leuten und ließ Menstruierende und Wöchnerinnen nicht zum Kirchgang zu.
Die Kirche gebot über ein großes Inventar an Mitteln zur Herstellung bzw. Wiederherstellung der seelischen Reinheit oder der Reinheit von Orten, Gebäuden oder Gegenständen; dazu zählten Gebete, Segnungen, Weihen, Beschwörungen und Bußleistungen. Der Volksglaube kannte unzählige abergläubische Praktiken zur Abwehr der unreinen Geister und ihrer gefährlichen Kräfte. Auf die kultische Reinheit der Priester und Diakone waren Strafbestimmungen vieler fma. Konzilien gerichtet, sollte doch der zur Bereitung des Leibes Christi Berufene von geschlechtlicher Verderbnis (corruptio) frei und rein sein. Das Capitulare Olonense (825) beispielsweise bestimmte, dass Priester, welche ihre Wohnung mit einer Frau teilten, nackt am Pfahl auszupeitschen sind; derselben Strafe und zusätzlicher Tonsurierung war die betroffene Frau verfallen. Bei der Heiligen Messe sollte das Heilige und Reine (sanctus, mundanus) deutlich vom Profanen und Unreinen (profanus, pollutus) geschieden sein, sollten die Kleriker räumlich von der Laienschar – besonders von den Frauen – getrennt bleiben.
(s. Acht, Askese, Bußbuch, Exkommunikation, Exorzismus, Krankensalbung, Segen, Sexualität, unehrliche Leute, Wöchnerin)