Schießpulver

Aus Mittelalter-Lexikon
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Schießpulver (mhd. pulver, bulffer; mlat. pulverium; „das dreistoffige Mehl“, „das schwarze Pulver“; mhd. auch krut, donerkrut). Die spektakuläre Explosionswirkung einer Mischung aus Kalisalpeter (Kaliumnitrat; s. saliterer), Schwefel und Holzkohle (wo möglich aus Hasel- oder Hainbuchenholz, auch aus Linde, Weide oder Erle) war den Chinesen bereits im 8. Jh. bekannt. Sie bauten damit Feuerwerksraketen, Knallkörper und Brandsätze, teils zur Belustigung, teils für kriegerische Zwecke. Über die Araber (oder über den reisenden Franziskanermöch Wilhelm Rubruk) kam der „Chinesische Schnee“ ins Abendland, Albertus Magnus und Roger Bacon notierten seine Zusammensetzung um 1250. Der (legendäre?) Domherr Bertold ®Schwarz soll um die Mitte des 14. Jh. von selbst darauf gekommen sein. Es ist jedoch anzunehmen, dass ihm – sollte er denn gelebt haben – lediglich eine Verbesserung der Sprengkraft und damit der Schussleistung der Büchsen gelungen ist. Etwa ab 1320 revolutioniert die Schießkunst das Kriegswesen (s. Artillerie). Man experimentierte mit der Zusammensetzung des Schießpulvers, dessen Bestandteile Salpeter, Kohle und Schwefel im Idealfall im Verhältnis 6,4 zu 1,2 zu 1 gestanden hätten. In sma. Fachschriften angegebene Mischungen schwanken zwischen 2 zu 1,3 zu 1 (für Kanonen) und 7 zu 1,5 zu 1 (für Hakenbüchsen). Möglicherweise vermied man das wirkungsvollste Pulvergemisch wegen der begrenzten Haltbarkeit der Kanonenläufe. Man lud in großkalibrigen Stücken eine Pulvermenge, die der Hälfte bis zwei Drittel des Kugelgewichts entsprach und in kleinen Büchsen soviel, wie die Kugel wog. In einem Feuerwerksbuch des Conrad Kauder aus Schongau, verfasst 1429, wird als bedeutende Neuerung das „knollen bulffer“ erwähnt, also Pulvergranulat, das anstelle des staubförmigen Pulvers ("Schlangenpulver" oder „Serpentin“) verwendet wurde, um einer Entmischung und damit einer Wirkungsminderung vorzubeugen. (Durch die Erschütterungen während des Transports setzte sich der schwerere Salpeter und der Schwefel am Boden ab, während die leichtere Holzkohle sich oben ansammelte.) Außerdem war die Explosivkraft des gekörnten Pulvers größer, da in den Zwischenräumen zwischen den Körnern des Granulats mehr Luftsauerstoff für den Abbrand enthalten war. Zur Herstellung des Knollenpulvers wurden die pulverisierten Ingredienzen mit Essig, Salmiak, Alkohol oder mit „Mannesharn“ durchfeuchtet, zu Blöcken gepresst, granuliert, getrocknet und auf gleiche Korngröße gesiebt (s. Pulvermühlen). Das gekörnte Pulver soll relativ resistent gegen Feuchtigkeit gewesen sein, weswegen es von Schiffskanonieren bevorzugr wurde, Ein weiterer Vorteil lag darin, dass man wegen der höheren Explosionskraft ca. 30% einer Pulverladung einsparen konnte; bei dem hohen Preis des Salpeters ergab sich ein wesentlicher Spareffekt. Das auf die Pulverladung gesetzte Geschoss wurde bisweilen verkeilt, damit es erst bei voller Entfaltung des Gasdrucks aus dem Rohr flog.
Als früheste zivile Nutzung der Sprengkraft des Schwarzpulvers gilt die beim Straßenbau im Tiroler Eisacktal im Jahr 1481. Unter Tage sollte erst im 17. Jh. mit der Schießarbeit begonnen werden.
(s. Holzkohle, Marcus Graecus, Salpetergrube, Schwefel)