Unglaube

Aus Mittelalter-Lexikon
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Unglaube (mhd. ungeloube; lat. infidelitas, incredentia, incredulitas). Unglaube – von Indifferenz dem katholischen Glauben gegenüber, Antiklerikalismus und Skeptizismus gegen einzelne Glaubenssätze bis hin zu rigorosem Atheismus – dürfte im europäischen MA. öfter aufgetreten sein, als aus Quellen aufscheint. Zudem scheinen derartige Haltungen häufiger bei gebildeten als bei einfachen Leuten, in Städten mehr als auf dem Land und zunehmend gegen Ende des MA. vorgekommen zu sein. Die kath. Kirche hat es ihren Anhängern, Klerikern wie Laien, nicht leicht gemacht, hochartifizielle und z.T. naturwidrige Glaubenssätze wie z.B. die von der Jungfrauengeburt oder von der Transsubstantiation zu verinnerlichen.
Der katholischen Kirche galt jeder, der nicht dem alleinseligmachenden Glauben anhing, als ungläubig und zur Hölle verdammt. So zählten unter die Ungläubigen Heiden, Juden, Mohammedaner, Ketzer und Abergläubische; auch jene lauen Christen, welche die religiösen Riten nur der Form nach, ohne innere Beteiligung vollzogen.
Unter Unglaube sind auch jene Fälle zu rechnen, in denen der rechte Glaube an einzelne Dogmen, an bestimmte Heilige, an Reliquien, Sakramente oder Sakramentalien aufgrund des gesunden Menschenverstandes fehlte oder in denen sich antiklerikale Kritik äußerte.
Wegen der rigorosen Haltung der Kirche gegenüber jeder Art von Unglauben und Abweichlertum gibt es dafür nur wenige Beispiele. Genannt seien:
Walther von der Vogelweide (1170-1230) geht in seinen "Papstsprüchen" mit Machtgier und Unmoral der Päpste scharf ins Gericht und polemisierte gegen den Anspruch des Papstes, über dem Kaiser zu stehen.
Der Exponent der Vagantenlyrik, bekannt als Archipoeta (12. Jh.) outet sich als Einer, der außerhalb der frommen Schar der Gläubigen steht: "mortuus in anima / curam gero cutis" (abgestorben in der Seele / schert mich nur mehr meine Haut).
Viele Lieder der fahrenden Scholaren zeugen von einer Weltauffassung, die ohne Gott auskommt und an seine Stelle ein blind agierendes Schicksal setzt. Anstatt sich im Glauben an eine jenseitige Existenz zu kasteien, gibt man sich irdischen Genüssen hin.
Kaiser Friedrich II. (1194-1250), nach dessen Meinung die Welt von drei Betrügern - Moses, Jesus und Mohammed - genarrt worden sei, und der für die Lehren von einem jenseitigen Fortleben der menschlichen Seele und von der Jungfrauengeburt nur Spott übrig hatte. Bei allem Skeptizismus versäumte Friedrich nicht, sich öffentlich als Rechtgläubiger zu gerieren.
William von Ockham (um 1285-1349) vertrat die franziskanische Armutsthese, kritisierte den übergeordneten Machtanspruch des Papstes, geriet in Häresieverdacht und wurde exkommuniziert.
Bei P. Dinzelbacher findet sich der Bericht von einem Ex-Bettelmöch namens Thomas von Schottland (1. Drittel 14. Jh.). "Dieser ruchlose Häretiker habe nicht nur die Geschichte von den drei Betrügern - Moses, Jesus, Mohammed - verbreitet und die Jungfräulichkeit der Gottesmutter geleugnet, sondern auch behauptet, die Seelen lösen sich nach dem Tod in Nichts auf."
(s. Aberglaube, Glaube, Heidentum, Ketzer, Prädestinationslehre, Ungläubige, Vagantenlyrik, Zweifel)