Wurm

Aus Mittelalter-Lexikon
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Wurm (mhd., ahd. wurm = der sich Windende; lat vermis). Als wurm wurden im MHD. auch Insekten (etwa Heuschrecken, Glühwürmchen, Holzwürmer), Nattern, Schlangen, Drachen (Lindwurm) und bestimmte Krankheiten [z.B. ein Geschwür) bezeichnet. Hildegard v. Bingen unterscheidet vier Gruppen von Würmern:
1.) Fußlose Würmer (Drache, Schlangen, Blindschleiche).
2.) Mit Füßen ausgestattete Groß-Würmer (Lurche, Echsen, Frösche, Unke, Salamander, Eidechse, Wasserschildkröte).
3.) Mit Füßen ausgestatteter Klein-Wurm (Spinne, Skorpion, Tarantel).
4.) Fußlose Kleinwürmer (Regenwurm [ulwurm], Schnecke [testudo in testa/behauste, testudo sine testa/unbehauste Schnecke], Seeigel [scherzbedra]).
Außerhalb dieses Schemas handelt sie auch von Spul- und Zahnwürmern sowie von Würmern, die den Menschen „an irgendeiner Körperstelle verzehren.“
In der ma. Vorstellung von Krankheitsentstehung und Schmerzensursachen spielten Würmer eine zentrale Rolle. Neben den endoparasitischen Würmern (s. Parasitenbefall) sah man Würmer auch als Verursacher von Zahnkrankheiten (Zahnwurm), Hautgeschwüren (Fleischwurm), entzündlicher Rötung (roter Wurm), Eiterung (weißer Wurm) und Knochenfraß, Nekrose (schwarzer Wurm). Der Fingerwurm war Ursache des sich an der Nagelwurzel bildenden Geschwürs (Panaritium, Mykose), als Augenwurm wurde eine Geschwulst am Lid (Gerstenkorn) bezeichnet. Der hirschköpfige Herzwurm verursachte Herzschmerzen und Sodbrennen, der Kopfwurm Migräne, der Ohrwurm schmerzhafte Otitiden; vom Hirnwurm rührten Melancholie und Irresein des Menschen, die Drehkrankheit (Coenurosis) der Schafe und der Dummkoller (Morosis) bei Pferden.
Als Mittel gegen Eingeweidewürmer und nagende Würmer (Wurmbeißen) kannte man Beschwörungsformeln (Wurmsegen) und Arzneimittelzubereitungen zur innerlichen und äußerlichen Anwendung. Beispiele: Tränke von Ziegen- oder Pferdemilch mit Fenchel und Rautenwurzel; Tee von Baldrianwurzeln; Bier mit Basilienkraut (Ocymum basilicum); Saft von Maulbeeren mit Hanfblättern; Blätter und Samen der ®Melde; Kerne vom Flaschenkürbis; Granatapfelrinde; Thymian; Dämpfe von stark erhitzter Ziegenmilch; Rauch von Aloe und Myrrhenharz; Pulver aus getrockneter Eichenrinde; Salbe aus Andorn, Eppichwurzeln und altem Fett; Brennnessel- und Wollblumensaft zu gleichen Teilen mit soviel Saft von Walnussblättern, wie beider Saft zusammen; Klistiere von Wermut, Baldrian, Rainfarn und Pomeranzenschalen. An innerliche Heilmitteln tierischer Herkunft kannte man u.a. Mäusekot, Ochsengalle, Fischlebertran oder warme Kuhfladen.
Da im MA. nicht zwischen Abführ- und Wurmmitteln unterschieden wurde, ist nicht immer klar, wegen welcher Heilanzeige ein Kraut verwendet wurde.
Hinsichtlich der Entstehung der Würmer bestand der Glaube, dass Würmer angehext oder von Dämonen verursacht seien; nach Anschauung der Gelehrten gingen sie gleichsam durch Urzeugung aus toter Materie hervor. Erst am Ort ihrer jeweiligen Tätigkeit (Zahn, Ohr, Herz usf.) erhielten sie dann ihre Gestalt durch eingedickte, üble Säfte.
An den Wurm der ma. Volksmedizin erinnern noch Redewendungen wie "es wurmt mich", "jemandem die Würmer aus der Nase ziehen" oder "ein Wurm nagt ihm am Herzen".
(s. Drache, Glühwürmchen, Hirnwurm (s. Hirn), Holzwurm, Ohrwurm, Purgantia, Regenwurm, Scherczbedra, Schiffsbohrwurm, Schlange, Schnecke (s. Tiersymbolik, Schnecke (Weinbergschnecke)), Zahnwurm (s. Zahnkünstler))