Edelsteine, medizinische Wirkung der

Aus Mittelalter-Lexikon
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Edelsteine, medizinische Wirkung der. Edelsteintherapie war schon den alten Ägyptern, Babyloniern und Griechen bekannt. In deren Traditionen wurzelte das entsprechende Heilwissen des europäischen MA. Da Edelsteine zumeist kostbare Importware aus dem Morgenland und damit Luxusgüter waren, fanden sie in der Volksmedizin kaum Verwendung. Dementsprechend gab es kaum deutschsprachige Namen für sie. Die Wirkung der Steine wurde umso höher eingeschätzt, je seltener und kostbarer sie waren. Mit Heilsteinen wurden kranke Körperstellen bestrichen, man trug sie am Körper, legte sie in den Mund, trank sie pulverisiert mit Wein, Essig oder Honig, auch wurde Wasser, in dem ein Stein gelegen hatte, als Heiltrank genommen u.a.m.
Die Wirkung der Heilsteine beurteilte man gemäß dem Prinzip similia similibus curantur nach der Farbe: beispielsweise half gelblicher Beryll gegen Gallenleiden, roter Jaspis, Rubin und Karneol stillten Blutungen, grüner Samaragd wirkte beruhigend, stärkte die Sehkraft und heilte Fallsucht.
Bischof ®Marbod von Rennes (um 1035 - 1123) verfasste das Steinbuch „Liber lapidum seu de Gemmis“, ein Lehrgedicht von 743 Hexametern, in dem in 60 Kapiteln 60 verschiedene Heilsteine und deren Wirkungen beschrieben werden. Das Werk war im MA. unter dem Namen "Lapidarius" weit verbreitet und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
In der heilkundlichen Schrift "Physica" der ®Hildegard von Bingen (1098 - 1179) wird den Heilsteinen in dem Kapitel "De lapidibus" eine große Bedeutung zugesprochen: Gott habe dem Adam die Zier und die Kraft der Edelsteine überlassen, damit sie zur Ehre, zum Segen und als Heilmittel genutzt würden. Hildegard beschreibt 22 Heilsteine, die allerdings aufgrund unklarer Namensgebung oft schwer zu identifizieren sind. (Der Jaspis z.B. heißt bei Hildegard Achat, den Saphir nennt sie Lapislazuli und den Bernstein Ligurius.) Sie wandte Heilsteine äußerlich und innerlich an: Äußerlich durch Auflegen, innerlich durch Lutschen der Steine und durch Einnahme von Getränken aus pulverisierten Edelsteinen. „Ein Mensch, der Flecken im Gesicht hat, befeuchte einen Amethyst mit seinem Speichel und bestreiche mit dem so angefeuchteten Steinseine Flecken ... und er wird eine zarte Haut und eine schöne Gesichtsfarbe erhalten.“ Zu dem gleichen Ergebnis führe das Bad in einem Wasser, über das man den Stein gehalten hatte, „sodass die Ausdünstung, die aus ihm dringt, sich mit jenem Wasser vermischt.“ Über den Saphir schreibt sie: "Wer dumm ist und klug sein möchte, der lecke mit seiner Zunge im nüchternen Zustand häufig an einem Saphir, weil die Wärme und die Kraft dieses Steins zusammen mit der warmen Feuchte des Speichels die schädlichen Säfte, die den Verstand stark beeinträchtigen, vertreiben, und so wird der Mensch zu gutem Verstand kommen." Rote Steine wie Jaspis und Karneol verschrieb sie bei Blutungen nach dem Ähnlichkeitsprinzip Rot gegen Rot.
Der Universalgelehrte ®Albertus Magnus (1191-1280) beschreibt in seinem fünfbändigen Werk "De mineralibus et rebus metallicis libri V" die bekannten Gesteine und Erze sowie die Edelsteine und deren magische Kräfte.
In sma. Apotheken gehörten pulverisierte Edelsteine zum unverzichtbaren Inventar.

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