Hanse

Aus Mittelalter-Lexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

Hanse (mndd.hanse, hense; ahd. hansa; v. germ. hanso = {bewaffnete} Schar). Dem Begriff ®"Gilde" entsprechende Bezeichnung für eine Kaufmannsvereinigung, die ursprünglich zu wechselseitiger militärischer Unterstützung gegen räuberische Überfälle auf Handelsreisen, ferner zu allgemeiner Risikominderung und zur Erlangung von Handelsprivilegien gegründet wurde. (In Worms bestand schon im 9. Jh. eine Transport-Genossenschaft, mlat. societas parafredorum, der privilegierten Kaufleute. In Köln gab es im 11. Jh. eine Gilde der Kaufleute.) Die Deutsche Hanse entstand im 13. Jh. aus dem Zusammenschluss verschiedener Handelsorte im Nord- und Ostseeraum unter der Führung von Lübeck, Hamburg und Bremen. Zweck der Einung waren gegenseitige Hilfe bei Gefährdungen auf Handelsfahrten zu Land und See. (Dazu zählten wetterbedingte Verluste, Gefährdungen durch Räuber, Piraten oder Raubritter, Übervorteilung durch Konkurrenten, ruinöse Einforderungen von Abgaben und Zöllen u.a.m.)
Die Hanse verdrängte die monopolistische Gemeinschaft der ®Gotlandfahrer im Ostseehandel vom ersten Platz und wurde in der 2. Hälfte des 14. Jh. zu einem mächtigen Bund, der "Städtehanse", dem nach einer Aufstellung des Brügger Kontors von 1469 72 "gute Städte" (Vollmitglieder, "Stede van der dudeschen hanse") und über 100 sog. Beistädte (Städte mit minderen Privilegien) angehörten. Von diesen annähernd 200 Hansestädten (die Zahlenangaben schwanken je nach Quelle) wurde der Naturalien- und Produktehandel über See und Land zwischen Ost- und Westeuropa, zwischen Rußland und dem Golf von Biscaya beherrscht.
Die Hansestädte waren landschaftlich im 14. Jh. sog. "Dritteln" zugeordnet, deren bedeutendste Städte als "Vororte" bezeichnet wurden. Im lübisch-sächsischen Drittel war dies Lübeck, im west-fälisch-preußischen Drittel (das die rheinischen Städte einschloss) Dortmund, später Köln und im gotländisch-livländischen Drittel Visby, später Riga. Ende das 15. Jh. organisierten sich die Hansestädte in "Vierteln" oder "Quartieren". Dies waren das wendische Viertel (Vorort Lübeck {caput et principium omnium}, vor Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald), das preußisch-livländische (Vorort Danzig, vor Thorn, Kulm, Elbing, Königsberg, Riga, Reval, Dorpat), das westfälisch-niederrheinisch-zuiderseeische (Vorort Köln, vor Dortmund, Münster, Soest, Osnabrück, Duisburg, Deventer, Arnheim, Nijmwegen, Zwolle) und das sächs. Quartier (Vorort Braunschweig, vor Hamburg, Lüneburg, Magdeburg, Bremen, Goslar). Am Hansetag von 1347 nahmen 160 Städte teil, darunter auch Stockholm, Visby, Bergen, Breslau, Deventer und Krakau. Nichtstädtische Mitglieder waren der Deutschritterorden und die Bauernrepublik Dithmarschen (letztere wegen ihrer notorischen Feindschaft gegenüber Dänemark).
Die einzelnen Hansestädte hatten sich vielfach auf die Herstellung bzw. Vermarktung eines besonderen Handelsgutes spezialisiert, wie aus einem alten Merkspruch hervorgeht: "Lübeck ein Kaufhaus, Köln ein Weinhaus, Braunschweig ein Zeughaus, Danzig ein Kornhaus, Hamburg ein Brauhaus, Rostock ein Malzhaus, Schonen ein Fischhaus, Lüneburg ein Salzhaus ..."
Die wichtigsten außerdeutschen Niederlassungen (s. Kontore) befanden sich in ®Nowgorod (St. Petershof), Bergen (Deutsche Brücke, Tyske Brygge), London (Stalhof) und Brügge. Die Kontore hatten unter der Leitung eines Oldermanns eigene Finanzverwaltung und Gerichtsbarkeit. Die oberste Leitung der Hanse ging vom Hansetag aus, der Hauptversammlung aller Mitglieder. Der Hansetag entschied mit Stimmenmehrheit, Berufung war grundsätzlich ausgeschlossen. Wirksamste disziplinarische Waffe war die "Verhansung", d.h. der vorübergehende Handelsboykott gegen eine Stadt oder gegen ein Land, die Aufhebung des Geleitschutzes, der Handelsprivilegien und des Nutzungsrechtes an den Kontoren. Die Strafe der Verhansung traf fast ausschließlich bedeutende Städte, so 1375 Braunschweig, 1407 Minden, 1427 Bremen, 1448 Goslar, 1454 Münster, 1471 Köln. Ursache war häufig die Abschaffung eines patrizischen Rats zugunsten eines "demokratischen". Freiwillig ausgetreten waren Berlin (1452), Breslau (1474) und Halle/S. (1479).
Ihre polit. und militär. Macht bewies die Hanse gegen König Waldemar IV. Atterdag von Dänemark, der 1361 Gotland erobert und die hansischen Privilegien eingeschränkt hatte. Die Hansestädte schlossen sich daraufhin 1367 in der Kölner Konföderation mit Schweden, Holstein und Mecklenburg zusammen, eroberten 1368 Kopenhagen und zwangen Dänemark 1370 im Frieden von Stralsund, die hanseatischen Vorrechte anzuerkennen. (s. Hansekriege)
Die wichtigsten Wasserwege der Hanseschiffe (s. Kogge) verbanden London, Brügge, Hamburg, Lübeck und Nowgorod. Seit etwa 1350 wurden die französische und die portugiesische Atlantikküste angelaufen, im 15. Jh. gelangte man nach Island und im 16. Jh. ins Mittelmeer. Wichtigste Ankerplätze der Hanse an der Nordsee waren Hamburg, Bremen, Deventer, Kampen und Zwolle; die Ostseehäfen Lübeck, Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald, Danzig, Riga, Reval und Dorpat waren Ausgangspunkte für Reisen nach Finnland, Schweden und Norwegen.
Die Handelsflotte der Hanse soll im 14. Jh. ca. 1.000 Schiffe mit einer Transportkapazität von 60.000 bis 80.000 Tonnen umfasst haben. Die Gesamtladung pro Jahr soll etwa 250.000 bis 300.000 Tonnen betragen haben.
Geleitzüge (Konvois) von Hansekoggen und Lastwagen brachten Holz, Getreide, Fische, Pelze, Honig, Wachs, Kupfer, Eisen, Pech und Pottasche aus den Ostseeländern, und führten Salz (aus Lüneburg), Wein, Bier, Tuche und Metallwaren dorthin aus. Von der Macht der Deutschen Hanse zeugen Städtegründungen wie die von Wismar, Stralsund, Rostock, Stettin, Reval, Danzig, Greifswald und Memel. Der Niedergang der Deutschen Hanse begann im ausgehenden 15. Jh., bedingt durch das Versiegen der Heringsschwärme in der Ostsee, das Erstarken der nordischen Königreiche, durch die Abkapselung Rußlands, durch Einflussnahme der Teritorialherren und durch interne Konkurrenz. Nach dem letzten Hansetag von 1669 ist die Hanse erloschen.