Kerzen

Aus Mittelalter-Lexikon
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Kerzen (mhd. kerze, kirze; ahd charza, cherza = Werg [der als ölgetränkter Docht Licht spendete]; lat cerata, candela, funis cereus). Kerzen aus Bienenwachs wurden während des ganzen MA. gebraucht, bis zum 15. Jh. allerdings fast ausschließlich im sakralen Bereich, vom SMA. an in immer größerem Umfang auch bei Hofe und in reichen bürgerlichen Haushalten. Sie wurden überwiegend in Gegenden mit florierender Zeidlerei hergestellt. Daher kam es schon bald zum Fernhandel mit Wachskerzen und auch zum Import von Bienenwachs aus Polen und Rußland. Gewöhnliche Leute - mithin der Großteil der Gesellschaft - mussten mit Kerzen aus Rindernierenfett oder Hammeltalg vorlieb nehmen. Die Kerzendochte waren anfangs aus Werg oder Abfallgarn, vom 13. Jh. an nach orientalischem Vorbild aus Baumwolle bzw. aus einem Gemisch aus Baumwolle und Leinengarn, wodurch ein gleichmäßiger Abbrand mit wesentlich höherer Lichtausbeute erreicht wurde. Die Baumwollwachskerze wurde zu einem wichtigen Gebrauchs- und Handelsobjekt.
Die Sonnen-, Licht-, Heils- und Lebenssymbolik der Antike, verkörpert durch Sol Invictus, den unbesiegten Sonnengott, wurde im christlichen Kultus auf Christus als Sol Justitiae und Sol Salutis übertragen und durch die brennende Kerze symbolisiert. Brennende Kerzen versinnbildlichten Licht, Wärme und Reinheit, sie standen für Christus als das Licht der Welt, für die Liebe Christi, das Lebenslicht des Menschen und die Liebe der gläubigen Seele zu Gott und dem Nächsten. Votivkerzen wurden gestiftet, um Hilfe in Not zu erlangen, um Dank für empfangene Gnade zu erweisen oder um ein Buß- und Sühnezeichen zu setzen; vorzugsweise wurden sie an Gnadenorten und Altären von Schutzheiligen aufgestellt. Kerzen brannten während der Geburt, um das Neugeborene vor Dämonen und Hexen zu schützen, standen am Krankenbett als Zeichen frommer Fürbitte und leuchteten dem Sterbenden auf dem Weg ins Jenseits. An Maria Lichtmess (2. Februar) geweihte Kerzen galten als von besonderer Gnadenwirkung; sie wurden an Sterbegedenktagen und an Allerheiligen auf Friedhöfen und in den Häusern entzündet. Mit den St.-Blasien-Kerzen war der Glaube an spezielle Gnadenwirkung verbunden. Höchste Verehrung wurde der ®Osterkerze entgegengebracht, die oft gigantische Ausmaße hatte und manchmal nur unter Zuhilfenahme einer Leiter entzündet werden konnte. Als Opfergaben wurden Kerzen im Sinne von Bitte und Dank, Buße oder Sühne dargebracht; derartige Kerzenopfer deckten einen Teil des bedeutenden kirchlichen Bedarfs. Mancherorts ging aus der freiwilligen Spende eine rechtliche Verpflichtung hervor (s. Wachszinsige, Zensuale). Zu Kerzenspenden hatten sich auch ma. Bruderschaften, Gilden und Zünfte verpflichtet.
Das einfache Volk benutzte - zumeist selbsgefertigte - "Unschlittkerzen", Kerzen aus Talg (Unschlitt) von Rindern, Schafen und Ziegen. Die teuren, in Kirchen und bei Hofe benutzten Kerzen aus Bienenwachs stammten, ursprünglich aus klösterlicher Produktion, vom 13./14.Jh. an wurden sie von selbständigen Kerzenmachern gefertigt, die meist gleichzeitig Honigbäcker (Wachs-, Lebzelter) waren.
Im SMA. kam der Wachsstock auf, eine ca. 8 mm starke "Endlos"-Kerze (Wachsrodel), deren Wachs durch Zusätze von Fichtenharz oder Terpentinöl derart elastisch gemacht war, dass man sie spiralförmig aufwickeln konnte. Zum Gebrauch wurde der Wachsrodel in einen Wachsstockhalter aus Schmiedeeisen, Ton, Messing oder Silber eingelegt und an seinem Ende senkrecht aufgebogen.
Ein wichtiges Requisit der ma. Kerzenbeleuchtung war die Lichtputzschere. Der gedrehte Docht leitete die Brennflüssigkeit ungleichmäßig und neigte zu Verkleben und zu hoch aufzüngelndem, rußendem Abbrand. Um eine einigermaßen stetige Flamme zu unterhalten, musste der Docht regelmäßig gekürzt – „geschneuzt“ – werden. Dazu benutzte man zunächst einfache Bügelscheren, wobei das abgeschnittene Dochtstück herunterfiel. Später verbreitete man einen Schneideschenkel, um den Docht daruf aufzufangen. Ende des 15. Jh. brachte man im rechten Winkel zu den Schneideschenkeln rechteckige Eisenplättchen an, die das abgeschnittene Dochtstück festhielten und ausdrückten. (Das Kästchen zum Auffangen des Dochts wurde Ende des 16. Jh. angefügt.)
(s. Baumwolle, Beleuchtung, Bienenwachs, Imkerei, Kerzenmacher, Kerzenuhr)