Augenheilkunde

Aus Mittelalter-Lexikon
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Augenheilkunde (Ophthalmologie). Die ma. Augenheilkunde als Teil der Schulmedizin (Chirurgie) geht auf arab. Vorbilder zurück. Als einer der ersten islam. Augenspezialisten tritt im 7. Jh. eine Frau namens Zeinab auf. Nach ihr sind ®Mesuë der Jüngere (777 - 857), Ali Ben Isa (9. Jh.) und Tabit Ben Qurra (gest. 901) zu nennen. Seit dem 9. Jh. gab es in Kairo eine Augenklinik. Im 11. Jh. schrieb der Ägypter Ammar ibn Ali al-Mausili ein Werk über 50 verschiedene Augenleiden und deren Behandlung. Bemerkenswert seine Beschreibung einer Technik der Staroperation, bei welcher die Linse durch Absaugen mittels einer selbst entwickelten Metall-Hohlnadel entleert wird. Nach ihm lehrte Alhazen (s. Haitham, Ibn al-) über Sehkraft, Physiologie und optische Eigenschaften des Auges. Rhazes ebenso wie Avicenna beschrieben das besonders in Nordafrika grassierende ®Trachom.
In Europa fasste die antik-islamische Augenheilkunde dank der Übersetzertätigkeit des ®Constantinus Africanus zuerst in Salerno Fuß. Von ihm stammt der "Liber de oculis", eine lat. Fassung des ophthalmologischen Lehrbuchs von Hunain Ibn Ischaq (9. Jh.). Der darin beschriebene Star (eine Trübung der Linse) wurde in der Übersetzung zu cataracta (Wasserfall). Aus dem 12. Jh. ist eine Anzahl von Handschriften über die äußeren Erkrankungen des Auges, jedoch ohne chirurgische Therapien überliefert. Im 13. Jh. entstand die "Practica oculorum" eines Benevenutus Grapheus (auch Benvenutus Grassus), der in Salerno studiert hatte und in Montpellier lehrte. Die Practica beruhte auf arab. Quellen und auf eigenen Beobachtungen. Sie wurde noch im 14. Jh. durch Abschriften verbreitet und ging 1474 als erstes Lehrbuch der Augenheilkunde in Druck. Über Kompilationen griechisch-arabischer Quellen gingen die Schriften des ®Arnaldus de Villanova ("Libellus confortationis visus", 13. Jh.) und des Petrus Hispanus ("Secreta contra egrotidinem oculorum", 13. Jh.) hinaus. Johann Yperman (1281-1331), der als erster in Flandern Chirurgie lehrte, unterschied zwischen sieben verschiedenen Arten der Starkrankheit, von denen er drei als medizinisch oder chirurgisch heilbar erachtet. Er polemisierte heftig gegen die umherziehenden "Schlächter des Stars", gegen deren marktschreierische Quacksalberei und heimliches Verschwinden. Im 13. und 14. Jh. ergaben sich keine nennenswerten Fortschritte bei Klinik und Therapeutik der Augenkrankheiten, dagegen wurden die Kenntnisse über ®Optik (s. a. Brille) und die Physiologie des Sehens weiter vorangetrieben (s. Robert Grosseteste, Roger Bacon,Dietrich von Freiberg). Die praktische Ausübung der Augenheilkunst war im ganzen MA. fast ausschließlich Sache der niederen, nichtakademischen oculisten (s. Augenärzte), nicht der studierten Medizindoktoren.
®Hildegard von Bingen theoretisiert: "Das Auge besteht aus Feuer und Wasser. Durch das Feuer wird es zusammengehalten und gekräftigt, ..., das Wasser dagegen wird zum Sehen hingeleitet.Nimmt an der Oberfläche des Auges ... das Blut überhand, so erstickt die Sehkraft des Auges, weil es das Wasser austrocknet, das dem Auge das Sehen verleiht." Die weiße Haut der Augen (gemeint ist wohl der graue Star) entsteht durch schädliche Feuchte, die dem Auge vom Gehirn aus zufließt, kann aber auch von kalten Säften oder von der Schwarzgalle rühren.
Im Kräuterbuch des ®Johann Hartlieb nehmen Augenleiden breiten Raum ein. Darunter finden sich Rötung oder Gelbfärbung der Bindehaut, die beide mit Raute behandelt werden sollen. Die Farbveränderungen werden ebenso wie Tränen-, Schleim- oder Eiterfluss, Linsentrübung oder Sehschwäche zurückgeführt auf Überfluss an schwarzer Galle, auf eine Kälte der Säfte oder auf schädliche Stoffe, die vom Hirn aus dem Auge zufließen. Als Gegenmittel wird der Verzehr von frischer Raute empfohlen, vorzugsweise in einer Mischung mit Fenchelsaft, Hühnergalle und Essig zu gleichen Teilen.
In der Volksmedizin waren viele Rezepturen gegen schwache oder entzündete Augen bekannt. Zur Stärkung der Sehkraft verwendete man u.a. Baldrianswurzel, destillierten Gänsekot, Fenchel- und Rosenwasser, Augentrost oder Morgentau. Gegen Augenentzündungen griff man außer zu Waschungen mit klarem, kühlem Wasser zu Mitteln wie Einträufelungen mit dem Saft vom Spitzwegerich oder mit Jungfrauenharn, Überschläge mit einem Sud von Quittenkern, Eibischwurzel und Holunderschwamm, Überschlägen mit rohem Fleisch, Kataplasmen von Weißbrot und Leinsamenöl u.a.m. Dem Volksglauben galten Augensegen als heilsam sowie die Anrufung der Heiligen Augustinus, Lucia, Ottilie, Liborius und Antonius.
(s. Schielen, Star)