Fra Mauro

Aus Mittelalter-Lexikon
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Fra Mauro (Bruder Maurus, um 1385 - 1459). Über seine Biographie ist außerordentlich wenig bekannt. Spätestens seit 1433 gehörte er als Laienbruder dem Kamaldulenser-Kloster San Michele auf der Insel Murano in der Lagune von Venedig an. Auf einer zeitgenössischen Portraitmedaille wird er als "Cosmographus incomparabilis" tituliert, was auf ein umfangreiches und überregional anerkanntes Engagement für die Kartographie hinweist. Er entwarf im Auftrag König Alfons´ V. von Portugal eine kreisförmige Weltkarte ("Radkarte"), die von seinen Mitarbeitern - Malern und Schreibern - etwa ein Jahr nach seinem Tod auf Pergament ausgeführt wurde. Sie ist heute in der Bibliotheca Marciana zu Venedig aufbewahrt und zeigt auf einer Fläche von 1,96 x 1,93 m die damals bekannten und kreisförmig von einem schmalen Saum des Ozeans umschlossenen Landmassen. Bei seinem Entwurf stützte sich Maurus auf die geographischen Lehren des Ptolemaeus, berücksichtigte aber auch nautische und topographische Erkenntnisse zeitgenössischer Seefahrer und Landreisender, vor allem solche der italienischen Mittelmeerfahrt, von portugiesischen und arabischen Afrika-Fahrern, von dem Asienreisenden Marco Polo und von einem Niccolo Ponti, der nach Ägypten, Syrien, Persien, Indien und Südostasien gesegelt war. Die Karte ist gesüdet (d.h. Norden ist unten), sie zeigt die Möglichkeit auf, Afrika zu umschiffen und hat als wohl erste der Mappae Mundi nicht mehr Jerusalem als Mittelpunkt. Die Größe der Karte erlaubte dem Autor das Einfügen langer Textpassagen; so schrieb er z.B. unterhalb von Afrika seine Auffassung nieder, dass die bewohnbare Zone entgegen herkömmlicher Meinung und aufgrund zuverlässiger Berichte im Süden von Wasser umgeben sei und somit umschifft werden könne. Neben empirischen Einträgen finden sich Abbildungen und Legenden zu biblischen und heilsgeschichtlichen Motiven sowie zu Monstern und Fabelwesen. Darin zeigt sich, dass Fra Mauro bei allem kritischen Skeptizismus in der Tradition älterer Autoren stand, in deren Weltkarten sich Geographie, Naturkunde, Religion, Philosophie und Geschichte zu einer umfassenden Dokumentation vereinten.
Das Original der Karte ist verschollen, das Exemplar in der Markusbibliothek ist eine frühneuzeitliche Kopie. Zeitgeschichtlich wird die Weltkarte Fra Mauros dem Übergang vom Mittelalter zur Renaissance zugeordnet.
(s. Antipoden, Ebstorfer Weltkarte, Erdgloben, Erdteile, Geographie, Idrisi, al-, Itinerarkarten, Klimata, Land- und Seekarten, Nikolaus Germanus, Portulankarten, TO-Karten, Walsperger, Andreas, Wundervölker)