Seeschiffe

Aus Mittelalter-Lexikon
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Seeschiffe. In der irischen See kreuzten schon zu Zeiten der Spätantike leichte Lederboote, sogenannte ® Currachs; mit einem Schiff dieser Art war ® St. Brendan im 6. Jh. zu seiner Seereise aufgebrochen. Die nördlichen Meere wurden zwischen dem 8. und 10. Jh. von anglo-skandinavische Kielbooten vom Typ des see- und flusstauglichen Wikingerschiffs (Drachenboot) beherrscht. Funde der Schiffsarchäologie wie der von Schleswig (im Moor zu Nydam, 1863), bei Tune (1867), Gokstad (1880) oder Oseberg (1903) zeigen den Typ eines flachgehenden, 20 - 25 m langen und bis zu 5 m breiten Ruderboots mit einem Tiefgang von ca. 1 m. Es hatte einen nur angedeutetem Kiel, wodurch das Anlandziehen des Bootes erleichtert wurde, einen etwa 12 m hohen umlegbaren Mast und eine wirksame Hilfsbesegelung (ein rechteckiges Oberrah-Segel), mit der sogar hoch am Wind gesegelt werden konnte. Gesteuert wurde mit dem an der rechten Seite (dem Steuerbord) eingehängten Steuerruder. Das tragende Gerüst bestand aus ca. 16 Spanten, auf welchen die 12 bis 16 Eichenplanken angeschlagen waren. Diese waren in Klinkerbauweise angeordnet, mit eisernen Nieten untereinander verbunden und mit geteertem Tauwerk und Wolle kalfatert. Bug und Heck hatten die gleiche Form und konnten pferde-, schlangen- oder drachenkopfähnliche Verzierungen tragen. (Dank der symmetrischen Bauweise von Bug und Heck konnte das Schiff im Bedarfsfall rückwärts gerudert werden, musste also nicht zeitaufwändig gedreht werden). Das Boot bot durchschnittlich 35 Mann mit Ausrüstung oder entsprechender Ladung (ca. 11 to) Raum und wurde von etwa 28 Mann mittels 6 m langer Ruder bewegt. Bei schwerer See war ein Teil der Mannschaft mit dem Ausschöpfen überkommenden Wassers beschäftigt. Mit diesem Bootstyp ähnlichen, jedoch größeren Schiffen haben die ®Wikinger erstaunliche Fahrten unternommen, zur Beförderung größerer Mengen von Handelsgütern (Wein, Getreide, Nutzholz, Salz, Alaun, Mühlsteine, Rohwolle) taugte er jedoch nicht; als Handelsschiff (kaupskip) benutzten die Nordmänner einen dickbauchigen Schiffstyp ("Knorr") mit großem Fassungsvermögen sowie leichte Kutter (skuta), welche auf binnenländischen Portagen getragen werden konnten. (Ein wikingerzeitliches Schiff vom Typ „Knorr“ wurde nach einem Wrackfund in Haithabu rekonstruiert; es war 24 – 26 m lang, mittschiffs 5,70 m breit und besonders hochbordig und robust gebaut. Beladen hatte das Schiff einen Tiefgang von ca. 1,50 m. Die Ladekapazität betrug mindestens 40 to. Es dürfte mit einem breiten Rahsegel aufgeriggt gewesen sein und 5 – 6 Mann Besatzung gehabt haben. Riemen dürften nur zum An- und Ablegen oder zum Manövrieren auf engem Raum benutzt worden sein. Mit Schiffen dieses Typs befuhren die Nordmänner den Atlantik, kamen bis nach Island, Grönland und Neufundland.)
Bereits im 8. Jh. war in England und an der atlant. Gegenküste eine Weiterntwicklung des Drachenschiffes entstanden, der als Holk (mhd. holche; mlat. holcas = Lastkahn; v. aengl. holk = Höhlung; Fund: Utrecht, 1930, datiert auf ca. 790) bekannt war. Darunter ist ein einmastiges, geräumiges Lastschiff von ca 18 m Länge und 4 m Breite, mit abgerundetem Bug und Heck, flachem Boden und geradem Kiel zu verstehen, das an Bug und Heck jeweils eine erhöhte Plattform, die Vorläufer eines Bug- und Heckkastells, trug. (Abbildung auf dem Siegel der Stadt Winchester aus dem Jahre 1300). Gesteuert wurde zunächst mit dem herkömmlichen Seitenruder, später mit dem Hecksteuerruder. Die Ladefähigkeit dieses Schiffstyps konnte bis zum SMA. auf etwa 300 to (150 Last) gesteigert werden. Diese leistungs- und kampfstarken Schiffe fuhren zwei oder drei Maste mit Toppkastellen, die mehrere Schützen aufnehmen konnten. Teile eines Holks von 24,5 m Länge sind 1969-1975 im Hafen von Danzig geborgen worden.
Anfang des 13. Jh. setzte sich, dem Bedarf an größerem Laderaum entsprechend, in Nordeuropa die ®Kogge durch, ein dem Typ nach schon im FMA. bekanntes bauchiges, hochbordiges Segelschiff von erheblichem Tiefgang, mit flachem Kiel, geklinkertem Rumpf, steilen Seitenwänden, plattem, in scharfem Winkel ansetzenden Steven und einem Mast, der ursprünglich mit dem breiten Luggersegel, später mit dem hohen Rahsegel beschlagen war, sowie mit einem festen mittigen Ruderblatt (Stevenruder; lat. gubernaculum) anstelle des alten Seitenruders. (Das schwenkbare Ruderblatt war mit massiven eisernen Scharnieren am Hinterschiff angebracht und mittels eines rechtwinklig vom Ruderhals [Pfoste] - nach vorne ragenden Hebels [Ruderschaft, Pinne] bewegt. Kraftsparende Einrichtungen wie Seilzüge und Steuerrad kamen erst um die Wende zum 18. Jh. auf.) Die Kogge wurde zum klassischen Handelsschiff der Hanse, fand auch als Pilger- und Kriegsschiff Verwendung und ermöglichte, nicht zuletzt durch die Einführung von Kompass und besseren Seekarten, die Ausdehnung des europäischen Seehandels. Um 1500 soll die gesamte Hanseflotte 1.000 Koggen unterschiedlicher Tonnage mit insgesamt 60.000 - 80.000 to Ladefähigkeit umfasst haben. Dazu kamen Kleinschiffe verschiedener Bauart: Kraier, Ewer, Schute, Barke, Prahme, Leichter usf. Holk und Kogge hatten seit den achtziger Jahren des 14. Jh. Pulvergeschütze an Bord.
Noch größere Ladefähigkeit als die Kogge hatte das um die Mitte des 15. Jh. von Westeuropa her erscheinende Kraweel, ein Schiff mit drei Masten (deren letzter ein schräggestelltes "Lateinersegel" führte), wasserdichtem Deck, Mannschaftsunterkünften in den Kastellaufbauten und Kante-auf-Kante sitzenden Planken ("Kraweelbauweise"). Kraweelschiffe wurden im Mittelmeerraum als Breton oder Berton bezeichnet, da sie vorzugsweise in der Bretagne gebaut wurden. In Danzig wurden 1475 zwei Kraweelschiffe fertiggestellt, die bei einer Decksbreite von 12 m 51 m lang waren und eine Ladekapazität von ca. 800 to hatten. Bei der Entwicklung größerer Schiffe ergab sich ein Konflikt zwischen dem Streben nach größerer Ladefähigkeit und dem Nachteil des größeren Tiefgangs, der das Anlaufen seichter Flusshäfen erschwerte und zum Ausbau der Hafenanlagen bzw. zum Leichtern auf Reede zwang.
Im Mittelmeer dominierte seit der Antike die Galeere (Galea) als Kriegs- und Handelsschiff. Galeeren waren ca. 30 m lange und 6,5 m breite flachbordige Ruderschiffe mit Hilfsbesegelung. Die bis zu 200 Ruderer - meist Galeerensklaven - saßen zu mehreren an den bis zu 50 Riemen an beiden Borden des Decks. Galeeren waren unabhängig von den Windverhältnissen, schnell und von berechenbarer Reisegeschwindigkeit, jedoch mit hohen Kosten (wegen der Löhne für die Ruderknechte bzw. der Verpflegung der Rudersklaven) belastet und von beschränkter Ladefähigkeit. Zur Verstärkung des Ruderwerks waren die Schiffe mit Lateinersegeln an ein bis drei Masten bestückt. Zwar waren Galeeren für den rauhen Seegang des Atlantik nicht geeignet, jedoch erreichten Venezianer mit ihren Handelsschiffen im 14. Jh. auch Flandern und England. Kriegsgaleeren hatten Bogenschützen an Bord, im 14. Jh. kamen Geschütze an Bug und Heck auf. Der über der Wasserlinie am Bug angebrachte Rammsporn diente als Hilfsmittel beim Entern eines feindlichen Schiffes, indem er eine starre Verbindung zwischen den beiden Rümpfen bildete.
Gegen Ende des MA. traten neben die Galeere, die im Mittelmeer weiterhin als Kampfschiff benutzt wurde, die spanischen und portugiesischen "Rundschiffe", Karavelle und Karacke. Das Wort Karavelle (portug. caravela, span. carabela; v. arab. qarib = kleiner Kahn) erschien erstmals im 14. Jh. im portugiesischen Sprachgebrauch und bezeichnete ein von der arab. Dau abgeleitetes kleines, zwei- oder dreimastiges Segelschiff mit Lateinersegeln, rundem Bug, viereckigem Spiegelheck, hohem Heckaufbau und Stevenruder. Die Wasserverdrängung lag anfangs bei 25 bis 60 to, die Besatzung zählte ca. 20 Mann. – Von römisch-antiken Frachtenseglern leitete sich die geräumige, bauchige Karacke (arab. Qaraqir = Lastschiff) her, der ma. Frachtensegler des Mittelmeeres, konzipiert weniger auf Schnelligkeit und Wendigkeit als auf größtmögliche Zuladung. Sie führte Sprietsegel, Rahsegel an Fock- und Großmast und ein Lateinersegel am Besanmast und hatte hohe Aufbauten an Bug und Heck. Die Länge über Steven betrug ca. 22 m, die größte Breite ca. 9 m, der Tiefgang ca. 4 m, die Ladekapazität bis zu 600 to. Die Besatzung zählte 20 – 45 Mann, wobei die letzte Zahl einer Überbesetzung entsprach, um Ausfälle während langer Reisen ausgleichen zu können. – Als kriegerische Variante der Karacke ist die schlankere, drei- bis fünfmastige Galeone zu verstehen, die ihren Namen von dem balkonartig über den Bug verlängerten Deck hatte (span. galion = Balkon). Galeonen waren hochbordige, mit Kanonen auf eigenen Geschützdecks bewaffnete Kriegs- und Handelsschiffe, die Erfolgsgaranten der spanischen und portugiesischen Seefahrt von der anbrechenden Neuzeit bis ins 18. Jh. Galeonen hatten eine Wasserverdrängung von bis zu 1.000 to, hohe Aufbauten über Bug und Heck und einen schmaleren Rumpf als die anderen Schiffe der Zeit, denen sie jedoch in der Takelage glichen. – Im Mittelmeer entstand um 1500 aus der Galeere die Galeasse, ein schnelles Kriegsschiff, das außer von Ruderern von einer wirksamen Besegelung bewegt wurde.
(s. Bal(l)inger; Barke, Bark; nautische Orientierung; Schiffszimmerleute; Seegefecht, Seeleute; Seestraßen; Segel)