Hebamme

Aus Mittelalter-Lexikon
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Hebamme (mhd. hevamme; ahd. hevanna, aus hevan = heben und ana = Ahnin, Großmutter. Also eigtl. Großmutter, die das Neugeborene aufhebt [um es dem Vater zu reichen]. Im MHD. waren auch die Synonyme geneserin, wehe-, hebe-, bademuoter oder bademome [wegen des von ihnen verabfolgten ersten Kindsbades] geläufig; lat. obstetrix zu obstare = beistehen). Nicht zuletzt aufgrund religiöser Vorurteile und Verbote wandten sich Frauen bei geschlechtsspezifischen Gesundheitsproblemen lieber an Heilkundige gleichen Geschlechts als an Ärzte. Der Beruf der Geburtshelferin hat sich aus der freiwilligen Nachbarschaftshilfe entwickelt, wie sie von älteren, erfahrenen Frauen seit jeher geleistet worden war. Neben altüberkommenen Heilwissen trugen die "weisen Frauen" auch viele abergläubische Bräuche weiter, was sie in den Verruf der Hexerei brachte. Die Zusammenarbeit von studierten "Buchärzten" und Hebammen in Fällen von Komplikationen sollte erst im SMA. üblich werden.
Hebammen erlernten ihr Gewerbe als Lehrmägde bei versierten Standesvertreterinnen. Sie sollten ehrsamer Herkunft und verheiratet oder verwitwet sein ("man sol zu dem ambt keine nehmen, die nit zuvor im Ehstand gelebt und zum oftermahl selber an ihr erfahrn hatt, was kinder haben und geboren erfordert"). Städtische Verordnungen forderten bestimmte charakterliche Eigenschaften der Bewerberinnen, legten deren Pflichten bei der Versorgung Schwangerer fest und machten die Ablegung einer Prüfung vor dem Stadtarzt und erfahrenen Lehrhebammen zur Pflicht. (Derartige Hebammenordnungen entstanden im 15. Jh. u.a. in Regensburg, Heilbronn, Nürnberg und Konstanz. In manchen Städten war ein "Hebammeneid" üblich, in dem die Aufgaben und Pflichten der Hebammen zusammengefasst waren.)
Zum Repertoire einer Hebamme gehörten Sorge für die Gesundheit des weibl. Geschlechtsapparates, Feststellung der Schwangerschaft, gesundheitliche Fürsorge für die werdende Mutter, Hilfe bei normalen und bei komplizierten ®Geburten bis zu Extremfällen wie Dammschnitt (mit Wundnaht), Embryotomie (Zerlegung und stückweise Entwicklung eines übergroßen, missbildeten oder fehlgelagerten Fetus), Schnittentbindung (bei sterbenden oder gerade verstorbenen Müttern), ferner Spendung der Nottaufe bei einem Ungeborenen, Beobachtung des Nachgeburtsabgangs, Versorgung der Wöchnerein, Neugeborenenpflege und Kenntnis einschlägiger Arzneimittel und Werkzeuge. Der handwerklichen Geschicklichkeit vieler Hebammen standen zeitbedingt unhygienische Arbeitsweise und abergläubische Praktiken gegenüber.
Hebammen arbeiteten überwiegend auf eigene Rechnung, sie lebten von Zuwendungen der Kindsväter und von Geschenken. In manchen Städten sorgte der Magistrat durch feste Anstellung für eine ausreichende Versorgung; so erhielt z.B. anno 1381 in Nürnberg eine vereidigte Hebamme vierteljährlich einen Gulden. Dazu konnten Steuerbefreiungen und andere Privilegien kommen (etwa ein Brennholz-Deputat oder die Befreiung des Ehemanns vom Wachdienst). Damit sollte einerseits einer Abwanderung der Geburtshelferinnen vorgebeugt werden, zum anderen sollte sichergestellt werden, dass Frauen aller sozialen Schichten gleich behandelt würden.
Im SMA. ergingen erste städtische Verordnungen zum Hebammenwesen, so in Regensburg (1462) und Ulm (1491); in der letzteren wurde ein Kenntnisnachweis vor einer ärzlichen Prüfungskommission für angehende Hebammen zur Pflicht gemacht.
Viele Hebammen wurden im SMA. als ®Hexenhebammen verfolgt, abgeurteilt und verbrannt. Der Grund dürften von ihnen angewandte zauberische Mittel sowie ihr Umgang mit echten oder vermeintlichen Kontrazeptiva gewesen sein – ®Empfängnisverhütung galt doch der Kirche von jeher als Todsünde und war zumal in Zeiten, da Bevölkerungszuwachs angestrebt wurde, auch den weltlichen Herrschern ein Ärgernis.
Von der abergläubischen Vorstellung der "Unreinheit" der ®Wöchnerin war auch die Hebamme betroffen, hatte sie doch körperlichen Kontakt mit dieser gehabt.
(s. Amme, Ärztinnen, Beschreien, Gebärmutter, Geburtenabstände, Gynäkologie und Geburtshilfe, Kaiserschnitt, Reinheit, Säuglinge, Scheidensekret, Schwangerschaft, Wochenbett)