Islamische Wissenschaften

Aus Mittelalter-Lexikon
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islamische Wissenschaften. Die bildungs- und wissenschaftsfreundliche Grundtendenz des islamischen Glaubens belegt ein Wort Mohammeds: "Wer nach Wissen strebt, betet Gott an". So war die empirische Erforschung der materiellen Welt den Muslimen Gottesdienst, führte sie doch zu der Erkenntnis der Weisheit und der Macht des Schöpfers. Lesen und Schreiben zu können war für muslimische Herrscher selbstverständlich und wurde von ihnen gefördert, nicht zuletzt, um eine breite geistige und politische Führungsschicht heranzuziehen. 794 wurde in Bagdad die erste Papiermühle gebaut, arab. Wissen konnte dank des neuen, preisgünstigen Beschreibstoffes weithin verbreitet werden. Vom 8. bis zum 10. Jh. wurden alle verfügbaren wissenschaftlichen Werke, gleich ob griechischer, ägyptischer, persischer, indischer oder anderer Herkunft, in die arab. Sprache übertragen. Vom 12./13. Jh. an gelangten diese Texte dann durch lat. Übersetzungen ins christl. Abendland.
Nachfolgend einige wissenschaftliche Disziplinen, auf denen islamische Wissenschaftler des MA. Bahnbrechendes geleistet haben:
Geographie. Auf ihren ausgedehnten Handels- und Pilgerreisen sammelten Muslime geographische Fakten, die viele von ihnen in systematischen Berichten niederlegten. So entstanden weitgehend naturgemäße Beschreibungen von Rußland, China, Indien, Nord- und Zentralafrika. Von christl. europäischen Ländern hatten die Muslime bis zum 17.Jh. nur verschwommene Vorstellungen. Der Historiker Ibn-Chaldun (1332-1406) sagte bezüglich Europa: "Nur Gott weiß, was da los ist". Pragmatisch teilten sie die Welt in zwei Hälften, eine muslimisch beherrschte (Dar al-Islam) und eine nichtmuslimische (Dar al-Harb). Den insgesamt hohen Standard islamischen geographischen Wissens bezeugt das „Roger-Buch“ des ®Idrisi samt der darin enthaltenen Weltkarte.
Optik. Alhazen (®Haitham, Ibn al-) begründete durch seine Beschreibung des Strahlenganges und seine Auffassung vom Auge als einer Art Lochkamera die moderne Optik. Er experimentierte (um 1038) mit Linsen als Brenn- und Vergrößerungsgläsern.
Die zweite alte Experimentalwissenschaft war – neben der Optik – die Alchemie. Man machte Versuche, beobachtete ihren Verlauf und zeichnete die Ergebnisse auf. Die zugrundegelegten Theorien und Hypothesen waren zwar fast ausnahmslos falsch, doch wurden auf diesem Wege zahllose Einzelentdeckungen gemacht, deren arab. Herkunft noch heute durch ihre Bezeichnungen belegt ist (s. Alchemie, Chemikalien). Der berühmteste Alchemist war Djabir ibn Hajjan (8. Jh.), dessen Werke unter dem latinisierten Namen Geber in lat. Sprache im 13. Jh. nach Europa kamen.
Eigene Lehren zum Rechnen mit Gleichungen (s. Algebra) und die Übernahme der ind. Zahlen brachten die arab. Mathematik schon im 8./9. Jh. zu einer Blüte, als deren Exponent al-®Chwarismi anzusehen ist. (Bis zur Akzeptanz der neuen Rechenverfahren in Europa sollten noch Jahrhunderte vergehen.) Der Perser Omar Khayyam (1038 - ca. 1120) baute auf dem Werk al-Chwarismis auf und erarbeitete eine allgemeine Klassifizierung aller Gleichungen. Die von ihm gezeigten Lösungen kubischer Gleichungen auf algebraischem und geometrischem Weg gelten "als der höchste Gipfel ma. Mathematik". Einen Rückschritt stellt allerdings die Ablehnung des Rechnens mit negativen Zahlen dar, wie sie schon den Indern bekannt gewesen war. Der hohe Stellenwert, den arab. Gelehrte der Astronomie beimaßen, rührte von der Notwendigkeit, die Stunden des Gebets, die Richtung nach Mekka und den Beginn des Fastenmonats Ramadan exakt zu bestimmen. Auch für Seefahrer und Wüstenreisende waren astronom. Kenntnisse äußerst wichtig. Aufbauend auf ihren Lehren der Mathematik und der Trigonometrie errechneten arab. Wissenschaftler astronomische Tafeln, mit deren Hilfe man die Stellung der Gestirne für jeden Tag voraussagen konnte. Wichtigstes Gerät zur Bestimmung der Sternhöhe war das Astrolab (für das al-Chwarismi insgesamt 43 Anwendungsarten beschrieb). Berühmte Sternwarten bestanden in Toledo, Kairo, Bagdad, Buchara und Samarkand. Die berühmtesten Astronomen der islam. Welt waren al-Farghani (gest. nach 861; latinis. Alfraganus, s. Farghani, al-) und al-Battani (858-929; latinis. Albategnius, s. Battani, al-) Ihre Werke kamen im 12. Jh. in lat. Übersetzungen nach Europa und erlangten großen Einfluss. Der auch als Astronom bedeutende Wissenschaftler al-Biruni (s. Biruni, al-; 973-1050) war um das Jahr 1000 zu der Erkenntnis gekommen, dass die Sonne im Mittelpunkt des Planetensystems stehe.
Die Heilkunst stand in der islam. Welt in hohem Ansehen; entsprechend hoch war der Leistungsstand der wissenschaftl. Medizin und der medizin. Einrichtungen. Aufbauend auf dem Wissen besonders syrischer und griechischer Ärzte, entwickelten arab. Gelehrte einen imposanten Wissensfundus, niedergelegt in Sammlungen von Fallstudien und in enzyklopädischen Werken, die vom 12./13. Jh. an zur Grundlage des Medizinstudiums an christl. Universitäten wurden. Als Koryphäen der islam. Medizin gelten: al-Razi (latinis. ®Rhazes; s. Kinderheilkunde), ibn Sina (latinis. ®Avicenna), ®Hali Abbas (gest.994), Abu l-Kasim (latinis. ®Abulcasis; um 939 - um 1013), Abu Marwan ibn Zuhr (latinis. ®Avenzoar; 1091 - 1162) und ibn Ruschd (latinis. ®Averroes). Von Ibn an Nafis (1210-1288) stammte eine weitgehend zutreffende Beschreibung des menschlichen Blutkreislaufs, die jedoch in Vergessenheit geriet.
Die Magie spielte in der islam. Geisteswelt des MA. eine bedeutende Rolle; sie wurde zusammen mit der Alchemie, der Wahrsagerei und der Astrologie den Geheimwissenschaften zugerechnet. Es wurde unterschieden zwischen der weißen, erlaubten und der schwarzen, verwerflichen Magie. In der ersteren geschah der Dämonenzwang durch Gebete, Askese und Beschwörung mittels heiliger Namen. Schwarzmagier dagegen brachten Blutopfer von Tieren und Menschen dar. Zauberformeln, magische Kreise, Talismane etc. wurden von beiden Arten der Magie gebraucht (s. Zauberei der Muslime).
Seit etwa 1100 begann der Niedergang der muslimischen Wissenschaft – vor allem aufgrund einer zumehmend fundamentalistischen Glaubensausrichtung. Maßgeblich dafür war al-Ghazali (latin. Algazel; um 1058 – 1111, s. Ghazali, al-), bedeutendster Theologe des Islam, der die Beschäftigung mit Philosophie und Wissenschaft diskreditierte, weil sie vom wahren Glauben wegführten. Er versuchte durch erkenntniskritische Argumente nachzuweisen, dass die Philosophie allein Gott nicht zu fassen vermag.