Alchemie

Aus Mittelalter-Lexikon
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Alchemie (auch Alchimie; v. arab. al-kimya; aus dem arab. Artikel al und dem griechischen chemeia, v. grch. cheo = gießen; mlat. ars alchemiae = die Kunst, Stoffe voneinander zu trennen oder miteinander zu verbinden, zu veredeln oder in Reinstform darzustellen). Aus naturkundlichem Wissen (z.B. der Botanik), handwerklichen Fertigkeiten (z.B. der Metallurgie), aristotelischer Naturphilosophie, gnostischer Spekulation und ägyptischer Magie erwuchs in Alexandrien etwa von 300 v. Chr. an die Geheimwissenschaft der Alchemie. Im 7. Jh. n. Chr. eroberten die Araber die Zentren hellenistischer Kultur in Ägypten, nahmen dort die Wissenschaften begierig auf, übersetzten die griechischen Texte ins Arabische und brachten eigene Abhandlungen hervor. Im 12. und 13. Jh. gelangten lat. Übersetzungen der arab. Fachliteratur über Spanien und Süditalien ins christl. Europa, nahm die Tradition christlich-abendländischer Chemie ihren Anfang. Eine der Haupttriebfedern der Wissenschaft war der Wunsch, aus anderen Stoffen Gold zu machen und von daher wurde der Alchemist mit dem Goldmacher gleichgesetzt (chymiater, chymicus = aurifex). Kleriker, welche christl. Alchemisten anfänglich ausnahmslos waren, gingen von dem Gedanken aus, mittels des lapis philosophorum die Materie in ihre höchste Existenzform – Gold – verwandeln zu können, analog der Erlösung des Menschen durch Christus. Trotz der dieser und anderer krauser Theorien und eher nebenbei kamen erstaunliche Erfolge zustande. Besonders bei der Destillation wurden Fortschritte gemacht: die Kühlung mittels Wasserschlange ermöglichte die Kondensation niedrigsiedender Flüssigkeiten wie des Alkohols. Auch die Herstellung starker Säuren (Essigsäure, Schwefelsäure, Salpetersäure) war jetzt möglich. Derartige empirische Errungenschaften wurden indes ständig von schwärzestem Aberglauben überwuchert, stand die Alchemie doch ganz im Bann der magischen Künste (s. artes magicae).
Der alchemistischen Theorie lag die Vorstellung zugrunde, dass alle Materie aus den vier ®Elementen Erde, Luft, Feuer und Wasser bestünde und, nach Rückführung in den qualitätslosen Urzustand („prima materia“, „materia confusa“ – zahlreiche Synonyma), in jeden gewünschten Stoff umgewandelt werden könne. Für diese Stoffumwandlung (Transmutation) waren bestimmte Beschwörungs- und Gebetsformeln sowie die Berücksichtigung astrologischer Konstellationen von wesentlicher Bedeutung. Nachdem der Stoffumwandlung, besonders der Herstellung von Gold (Sol, König) und Silber (Luna, Königin) aus anderen „Prinzipien“ (®tria principia – Quecksilber, Salz, Schwefel), kein Erfolg beschieden war, suchten die ma. Gelehrten nach einem Wundermittel, dem ®Stein der Weisen (lapis philosophorum, l. philosophicum, ultima materia). Diesem Agens, das man als Endprodukt eines langwierigen alchemistischen Verfahrens (des opus magnum oder magisterium) zu gewinnen hoffte, wurde zugetraut, unedle Stoffe in Gold umzuwandeln. Daneben galt es als Ausgangsstoff für das ®„Aurum potabile“ oder „Elixir vitae“ (v. arab. al-ichsir = der Stein) genannte Universalheilmittel und für das Universallösungsmittel „Alkahest“ (menstruum universale).
Die abendländische Alchemie brachte, aufbauend auf grch., röm. und arab. Kenntnissen, auch praktikable Verfahren hervor, so zur Glas- und Metallverarbeitung, zur ®Farbenherstellung, zur Herstellung von verschiedenen Arzneien, ®Schießpulver, ®Pottasche, Säuren und ®Alkohol. Alchemistische Hauptverfahren (wie sie etwa in der fma. Rezeptsammlung „Compositiones ad tingenda musiva“, in der „Summa perfectionis“ des Pseudo-Geber oder im „Secretum secretorum“ des Rhazes aufgeführt sind) waren sublimatio (lat., = Niederschlag), destillatio (lat., = Herabtropfen), coagulatio (lat., = Festmachen durch Entzug der Feuchte), fusio (lat., = Schmelzen), solutio (lat., = Auflösung), calcinatio (lat., = Ausglühen), digestio (lat., = Auflösung oder Zerteilung eines festen Stoffes in Flüssigkeit bei mäßiger Hitze) und fixatio (lat., = dauerhaft, feuerbeständig machen).
Zu den herausragenden ma. Gelehrten, die sich mit Alchemie beschäftigten, zählten ®Michael Scotus ("Ars alchemiae"), Robert ®Robert Grosseteste, ®Roger Bacon, ®Johannes de Rupescissa, ®Albertus Magnus und ®Arnaldus de Villanova (die letzten Drei interessierten sich vor allem für die Verwendbarkeit der Alchemie im medizin. Bereich).
1323 dekretierte das Generalkapitel der Dominikaner, dass die "Kunst, die Alchemie genannt wird", in Theorie und Praxis gänzlich aus dem Ordensleben zu verbannen sei. Es ist anzunehmen, dass in der Folge nicht nur das alchemistische Schriftgut, sondern auch Laboratorien, Gerätschaften und Chemikalien vernichtet wurden.
In der ma. ®Fachliteratur nehmen Schriften zur Alchemie, besonders seit der Rezeption arabischen Wissens, einen breiten Raum ein, sie sind jedoch wegen ihrer dunklen, allegorienbefrachteten Sprache weitgehend unverständlich. Einige Beispiele der Fachliteratur zur Alchemie: „Turba Philosophorum“ (9. Jh., aus dem Arabischen); "Liber de compositione alchemiae" (12. Jh., Morienus Romanus [?]); "Compendium magiae nigrae" (®Michael Scotus, um 1180 - 1235); "De salibus et aluminibus" (Pseudo-Rhazes, 12. Jh.); "Summa perfectionis magisterii" (Pseudo-Geber, um 1250) "Tabula smaragdina" (13. Jh.); "Libellus de alchimia" (Pseudo-Albert, 13. Jh.); "De rerum omnium consideratione Quintae essentiae" (13. Jh.); "Liber lumen luminum" (13./14. Jh.). Vom 15. Jh. an erscheinen auch deutschsprachige Schriften, z.B. "Buch der Heiligen Dreifaltigkeit" (um 1415; darin sind alchemistische Prozesse christl. allegorisiert); ®"Alchymey teuczsch" (um 1426). Wenn auch die Alchemie und die Goldmacherkunst vom 10. Jh. an zunächst in den Klöstern, später an fürstlichen Höfen gefördert und gepflegt worden war, so geriet sie im SMA. in den Ruch eines Teufelswerks oder bewusster Betrügerei. Überwiegend war man der Meinung des Thomas von Aquin, dass Alchemie erlaubt sei, sofern sie sich nicht verbotener Praktiken wie etwa der Magie bediente oder Betrug zum Ziel hatte. 1317 erließ Papst Johannes XXII. Die Bulle „Spondent quas non exhibent“ gegen (betrügerische) Alchemisten und Goldmacher. Aus dem 14./15. Jh. stammen entsprechende Verbote aus Frankreich, England Italien und Deutschland (z.B. Nürnberg, 1493).
(s. Chemikalien; chemische Symbolsprache; Erde; Destillation; Flamel, Nikolaus; Gold, Hermes Trismegistos; Laboratorium; Luft; Metallurgie; Mörser; Rhazes; Sublimation; Theophilus; Djabir ibn Hajjan)