Deutsches Reich

Aus Mittelalter-Lexikon
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Deutsches Reich. Im Osten des ®Frankenreiches waren nach dem Niedergang der ®Karolinger mächtige Stammesherzogtümer herangewachsen, die nach dem Tod des letzten ostfränkischen Karolingers ihr schwächstes Mitglied, den Frankenherzog Konrad, zum Herrscher (911 - 18) erwählten. Dieser ließ, um weiterem Verfall der Zentralgewalt zu begegnen, noch vor seinem Tod die Reichsinsignien an den mächtigen Herzog der Sachsen, Heinrich I. aus dem Hause der ®Liudolfinger, überbringen, dessen Dynastie damit die Nachfolge derer antrat, die sein Volk ein Jahrhundert zuvor grausam ins Reich gezwungen hatte. Unter Heinrich I. (König v. 919 - 36) wurde das Herzogtum Lothringen, das sich an Frankreich angeschlossen hatte, wieder ins Reich geholt, wurden die aufständischen Slawen niedergeworfen und die Ungarngefahr entschärft. Heinrichs Sohn Otto I. (936 - 73) musste sich schon bald aufständischer Stammesherzöge und Verwandter erwehren und setzte dazu ihm ergebene Bischöfe in die Funktion von Herzögen ein; das überkommene Eigenkirchenrecht (s. Eigenkirche) festigte sich zum ®"Ottonischen Reichskirchensystem". Die Ostgrenzen des Reiches sicherte Otto durch Einrichtung von Missionsbistümern (z.B. Magdeburg, 968). Die Ungarn wurden in der Schlacht auf dem Lechfeld (955) endgültig besiegt, der Einfluss in Italien durch Heirat mit der Thronaspirantin Adelheid von Burgund wiedergewonnen. Die Kaiserkrone wurde Otto I. 962 als Gegenleistung für Schutzherrschaft über das "Patrimonium Petri" verliehen. Mit dem Akt der Kaiserkrönung wurde das "Römische Reich" (Romanum Imperium) begründet. Der Adler wurde nach Römischem Vorbild Wappentier. Der byzantinischen Kaisermacht gegenüber kam Otto durch Verheiratung seines Sohnes Otto II. mit Theophanu, einer Nichte des byzantinischen Kaisers, und durch Abtretung südital. Gebiete zu einem Interessenausgleich. Den Nachfolgern Ottos I. d. Gr. gelang es nicht, die Machtstellung des Reiches zu halten: Otto II. (König seit 961, Kaiser 967 - 83) erlitt 982 in Kalabrien eine vernichtende Niederlage gegen die Araber; im Osten gingen die Gebiete zwischen Elbe und Oder an die Slawen verloren. Otto III. (König seit 983, Kaiser 996 - 1002) stand den Rechsteilen nördl. der Alpen entfremdet gegenüber und verstrickte sich in fruchtlose Händel mit den röm. Adelsfamilien. Er gründete auf einer Pilgerreise das Bistum Gnesen und unterstellte die poln. Kirche direkt dem Papst. Da er ohne Erben starb, wurde Heinrich II. (973 - 1024; hl.), ein Urenkel Heinrichs I., zum König gewählt und 1002 zum Kaiser gekrönt. Heinrich II. befasste sich hauptsächlich mit innerdeutschen Angelegenheiten, sicherte die Ostgrenzen durch Friedensabkommen mit Polen (1005), suchte Italien zu befrieden und das Papsttum zu reformieren. 1007 gründete er in dem Burgflecken Bamberg ein Bistum, das – mit reichem Grundbesitz ausgestattet – zu einem Zentrum für die Missionierung der Mainslawen und zu einem wichtigen Kaisersitz wurde. Nachdem mit Heinrich II. der letzte Spross des Sachsenhauses gestorben war, wählten die Großen des Reiches Konrad II. aus dem Hause der ®Salier zum König (1024 - 39). Dessen Hauptproblem war die Auseinandersetzung mit den Fürsten um die Machtausübung, wobei er sich die Unterstützung des niederen Adels durch Erblichmachung der Unterlehen sicherte. Er erbte 1032 das Königreich Burgund, das von da an zum Römischen Reich gehörte. Sein Sohn Heinrich III. (Kaiser von 1039 - 56) gilt als der mächtigste Herrscher aus dem Hause der Salier. Er trug die Kronen Deutschlands, Italiens und Burgunds. Ihm gelang es, die Macht des Reiches besonders im Süden und Südosten zu stärken, indem er Böhmen und Ungarn unter seine Oberhoheit zwang. Im Reich förderte er die Gottesfriedensbewegung (s. "Treuga Dei") nach frz. Vorbild. Seine Kirchenpolitik war von den Ideen der Cluniazensischen Reformbewegung bestimmt. Als Heinrich III. starb, war sein Sohn Heinrich IV. erst sechs Jahre alt und musste sich mit Hilfe des niederen Adels und der Bürger der Reichsstädte gegen die Machtgelüste der Fürsten zur Wehr setzen. Auch das Papsttum löste sich mit dem Papstwahldekret von 1059 aus der kaiserl. Bevormundung. 1075 entbrannte der ®Investiturstreit, in dessen Verlauf Heinrich mit dem Kirchenbann belegt wurde (1076). Um den aufständischen, von ihrem Treueid entbundenen Fürsten nicht zu unterliegen, wendete Heinrich den Bann durch seine Bußfahrt nach Canossa (1077) ab. Heinrichs Sohn trat 1106 als Heinrich V. die Nachfolge an. 1022 wurde ihm von den Fürsten und Papst Calixtus II. mit dem Wormser Konkordat eine Kompromisslösung des Investiturstreits aufgezwungen, in welcher die Konflikte in der Folgezeit vorprogrammiert waren. Mit Heinrich V. starb 1125 der letzte Salier. Die Kurfürsten setzten ihr Wahlrecht unverblümt im Sinne ihrer Eigeninteressen ein und wählten Könige, von denen sie sich den geringsten Widerstand erwarteten: den Sachsenherzog Lothar III. von Supplinburg (1125 - 37), danach den ®Staufer Konrad III. (1138 - 52). An dessen Wahl entzündete sich ein blutiger Bürgerkrieg, da sich die Welfen übergangen fühlten und die Wahl Konrads nicht anerkannten. 1152 wurde gemäß der Designation Konrads dessen Neffe Friedrich I. Barbarossa aus dem Hause der Hohenstaufen – vermeintlich ein schwacher Kompromisskandidat – zum König gewählt und 1155 zum Kaiser gekrönt. Dessen Ziel war, das Kaisertum zu Macht und Ansehen wie zur Zeit Karls d. Gr. zu bringen und Papsttum und Kirche seiner Autorität zu unterwerfen. Um den Anspruch auf Gleichberechtigung mit dem Papsttum zu unterstreichen, fügte die kaiserliche Kanzlei 1157 dem Titel des Römischen Reiches das Wort "Heilig" (Sacrum Romanum Imperium) hinzu. Unter der Herrschaft Barbarossas erhielten die Welfen ihr Herzogtum Bayern zurück (das ihnen unter Konrad III. genommen worden war), das weichende Geschlecht der Babenberger erhielt zum Ausgleich das von Bayern abgetrennte und zum Herzogtum erhobene Österreich. Auf dem Fürstentag zu Würzburg (1180) wurde der Welfe Heinrich der Löwe, Herzog von Bayern und Sachsen, wegen Rechtsbruchs und verweigerter Heeresfolge wieder abgesetzt. Seine bayerischen Länder erhielten die Wittelsbacher, das Herzogtum Sachsen wurde unter den Grafen von Anhalt und den Erzbischof von Köln aufgeteilt. Der Sohn Friedrichs I., Heinrich VI., wurde 1190 zum König gewählt. Ihn hatte sein Vater mit der Tochter König Rogers von Sizilien verheiratet; sein sizilianisches Thronerbe konnte er jedoch erst 1194, nachdem er die Opposition der Welfen niedergeworfen hatte, antreten. Seinen Plan, die Herrscherwürde im Reich erblich zu machen, konnte er nicht mehr durchführen: er starb 1197, als sein Sohn und Erbe Friedrich II. erst drei Jahre alt war. Friedrich wuchs unter der Vormundschaft seiner Mutter und nach deren Tod unter der von Papst Innozenz III. in Sizilien heran. In Deutschland flammte der Zwist zwischen Staufern und Welfen wieder auf. Friedrich II. sicherte sich zunächst die Unterstützung des Papstes (durch Garantie überlieferter Rechte in der "Goldenen Bulle" von Eger, 1213) und die Gunst der Fürsten (durch Überlassung fast aller verbliebenen Regalien), um das Reich nördlich der Alpen zu befrieden und um sich nach der Königskrönung (1215 zu Aachen) ganz seiner Italienpolitik widmen zu können. Nach dem Tode dieses gebildetsten unter den deutschen Kaisern ("Stupor mundi") verfiel die Macht der Staufer unter seinem Sohn Konrad IV. (1250 - 54) und unter seinem außerehelichen Sohn Manfred (1254 - 66), bis sie mit der gesetzwidrigen Hinrichtung von Konrads Sohn Konradin 1268 zu Ende ging. Sieger blieb die vereinte Macht des frz. Königtums und des Papstes. Das Erlöschen der Stauferdynastie hatte in Deutschland ein Machtvakuum hinterlassen, in dem die Eigeninteressen der mächtigen Kurfürsten durch Wahlkapitulationen (programmatische Verpflichtung) der jeweiligen Kronanwärter gestärkt wurden. Das ausgehende 13. Jh. sowie das 14. Jh. waren von oftmaligem Dynastiewechsel geprägt. Eine herausragende Persönlichkeit war der Sohn des Königs von Böhmen, der als Karl IV. aus dem Hause der ®Luxemburger 1347 seinem Vater auf dem böhm. Thron nachfolgte und im gleichen Jahr als deutscher Gegenkönig (gegen Ludwig d. Bayern) aufgestellt wurde. 1348, nach dem Tod Ludwigs, fand er allgemeine Anerkennung, 1355 wurde er zum Kaiser gekrönt. In der ®"Goldenen Bulle" von 1356 schuf er die erste Reichsverfassung, derzufolge der von der Mehrheit der Kurfürsten gewählte deutsche König zugleich "erwählter römischer Kaiser" war (s. Königswahl). Als mit Kaiser Sigismund 1437 der letzte Luxemburger ohne Erben starb, fiel die Krone zusammen mit allen luxemburgischen Ländern an das verwandte Haus der ®Habsburger, die – nach früheren vergeblichen Versuchen –die Erblichkeit der Krone innerhalb ihrer Familie durchsetzen konnten, obwohl das Reich formell eine Wahlmonarchie blieb. Bis dahin hatten jedoch die Fürsten und Städte ihre Souveränitätsrechte in einem Maße gestärkt und gefestigt, dass mit der deutschen Krone nur noch geringe reale Macht verbunden war. - Ende das 15. Jh. kam die Bezeichnung "Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation" (Sacrum Romanum Imperium Nationis Germanicae) auf, womit das deutsche Reichsgebiet ohne Italien und Burgund bezeichnet wurde.