Verdauungsstörungen

Aus Mittelalter-Lexikon
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Verdauungsstörungen. Erkrankungen des Magen-Darmtraktes einschließlich von Leber und Galle spielten eine große Rolle in der Medizin des MA., hatten diese doch eine zentrale Bedeutung für die Aufrechterhaltung des ®Säftegleichgewichts. Die Behandlung richtete sich nach der jeweiligen Symptomatik und umfasste Mittel der ®Diätetik sowie eine breite Palette von äußerlichen und innerlichen Heilmitteln. Die Ursache für Beschwerden der Verdauungsorgane sah man – wenn nicht in göttlichem Zorn oder Schadenzauber – in Ernährungsfehlern, die zu unvollständiger Verkochung des Speisebreis im Magen-Darm-Kanal führte. Hieraus resultierte eine Minderung der Säftequalität (cacocimia) und diese war Ursache vieler Krankheiten, von Übelkeit, Aufstoßen, Erbrechen und Leibschmerzen über Blähung, Durchfall und Verstopfung bis zu Bauchwassersucht, Leberschwellung und ®Gelbsucht.
Die Wirkung der angewandten Heilmittel zielte auf Stärkung des Magens, Appetitanregung und Verdauungsförderung. Da Kälte und Feuchte der Verdauung entgegenwirkten, waren Speisen kalter Qualität zu meiden.
Gegen Übelkeit empfiehlt Walahfrid Strabo ®Sellerie (apium), Odo Magdunensis ®Fenchel und Ackerminze, Hildegard v. Bingen einen Trunk mit ®Ingwerpulver .
Gegen Völlegefühl, Aufstoßen, Blähungen, Erbrechen und Koliken verordnete die Klostermedizin die Früchte (vulgo Samen) des ®Kümmels.
Bei Magenschmerzen, deren Ursache man darin sah, dass der Magen erkaltet ist und die Speisen nicht richtig verkocht werden, verordnet Odo M. Dill, Lavendel, Minze, Melisse und Galgant, Hildegard gibt bei Magenschmerzen („Verqualmung des Magens“) einen Trank aus zerstoßenen Pfingstrosen (Paeonia off.), Eberraute und Fünffingerkraut, gekocht „in gutem, reinen Wein“, oder pulverisierte Schafgarbe in warmem Wasser. - Gegen Eingeweideschmerzen empfiehlt sie, den Patienten an "an der Grenze zwischen Darmbein und Rücken" zu ®brennen.
Wenn sich „bestimmte Speisen im Menschen verhärten“, also bei Verstopfung (constipatio), verordnet Odo M. Wermutkraut (Absinthium), das Kraut der Nessel (Urtica), Knoblauch (Allium), Raute (Ruta), Lattich (Lactuca), Melde (Atriplex), Zwiebel (Cepa), Senf (Sinapis, Wegmalve (Malva), Alöe u.a.m. Von der Medizin der Antike her waren Leinsamen (s. Flachs, ®Wolfsmilch und ®Rizinus als Laxantia bekannt. Erweichende und abführende Medikamente - etwa Leinöl - wurden auch als ®Klistier verabfolgt.
Vom ®Durchfall (diarria, disenteria) sagt Hildegard: „Wenn die schlechten Säfte im Menschen überhand nehmen, dann bilden sie manchmal einen Dunst, ...der verdünnt die lebensnotwendige, natürliche Luft in ihm, und ... deshalb kommt die Nahrung halbverdaut und wie ein dünner Fluss aus ihm heraus.“ Als stopfende Mittel (Styptika) kannte man geriebenen ®Apfel, Althea (Eibischwurzel), Lattichsamen (Lactuca), ®Rose, ®Sauerampfer, ®Wegerich (Plantago), Portulak, ®Kerbel, ®Koriander und ®Möhre.
(zu infektiösen bzw. parasitenbedingten Darmkrankheiten s. Cholera, Ruhr, Typhus bzw. Parasitenbefall)