Spiele

Aus Mittelalter-Lexikon
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Spiele (ahdt., mhdt. spil = Tanz, Zeitvertreib, Unterhaltung, Vergnügen; mhd. auch kurzwile). Zu allen Zeiten wurden zum Zeitvertreib körperliche oder geistige Tätigkeiten nach bestimmten Regeln ausgeübt. Man spielte paar- oder gruppenweise, selten für sich allein. Unter dem Begriff versteht man so verschiedene Vergnügungen wie Tanz und Sport, Ballspiele und Turniere, Musik und Glücksspiele. Wie alles Tun unterlag das Spielen im MA. dem Werturteil der Kirche, welches überwiegend ablehnend war. Hugo von St. Victor entwickelte um 1125 eine Wissenschaft von den Spielen ("scientia ludorum"), die er den Handwerken ("artes mechanicae") zuordnete. Mit eindeutig ablehnender Wertung rückte der Enzyklopädiker Vinzenz von Beauvais die Spiele ein Jahrhundert später in die Nachbarschaft des Kriegswesens, Glücksspiele behandelte er zwischen Eigentums- und Betrugsdelikten. Im ausgehenden MA. war die Ablehnung weniger rigide, Nicolaus Cusanus rechnete die Spiele zu den "Artes liberales" (s. Ludus Globi). Die Spielfreude ma. Menschen hat sich jedoch weder durch widrige Zeitumstände noch durch kirchliche Verbote und weltliche Reglementierungen oder durch gelehrte Abwertung unterdrücken lassen.
Was, wie und wo gespielt wurde, hing vom Stand der Spieler ab. Der höfischen Lebensform entsprachen Brettspiele wie Schach, Dame, Mühle, Tricktrack (mhd. wurfzabel, sponzabel), ferner Ballspiele, Spiele mit Ringen und Kreiseln, eine Art Boccia und kultivierte Formationstänze; der körperlichen und kriegerischen Ertüchtigung dienten Fechten, Ringen, Wettlauf und Wettschießen; das Turnier als Kampfspiel, die Jagd und die Falknerei galten der höfischen Gesellschaft als spielerische Höhepunkte. Die Spiele der niederen Stände sind weniger gut belegt, ®Würfel- und ®Kartenspiel dürften die wichtigsten gewesen sein. Das Kegelspiel wird 1157 erstmals erwähnt. In gebildeten Kreisen kam im 14. Jh. das "Philosophenspiel" (s. Rithmimachia) auf, ein anspruchsvolles Brettspiel um Zahlen und deren symbolhafte Entsprechungen. Das bürgerliche Patriziat des ausgehenden MA. hat die höfische Spielkultur weitgehend übernommen. Spielerische Vergnügungen fanden überall statt, wo man zu mehreren zusammenkam; Spiel-Raum boten Gärten, Festwiesen und -plätze, höfische Hallen oder Zunft- und Ratsstuben, Feldlager oder Wirtshäuser, Spinnstuben oder Dorfanger, Bordellen, Badstuben und nicht zuletzt die Friedhöfe. (Noch zu Beginn des 14. Jh. musste z.B. der Rat zu Luzern das Kegeln, Stechen, Armbrustschießen und Steinstoßen auf dem Friedhof - als einem ausgewiesenem Friedens- und Rechtsbereich - verbieten.) Spielverbote - besonders des Wett-, Würfel- und Kartenspiels - wurden immer wieder eingeschärft; dies geschah nicht aus rigoroser Sittenstrenge, sondern um den städtischen Frieden zu bewahren: Entstanden doch aus Betrug und Streitigkeitn beim Spiel Unfrieden, Schlägereien und Körperverletzungen, bis hin zur Gefährdung des öffentlichen Friedens und offenem Aufruhr. Betrüger und Falschspieler - gewerbsmäßige wie gelegentliche - gab es überall; Letztere besonders da, wo sich landfahrende Leute (vriharte) einfanden, die unter dem Generalverdacht der Leutebetrügerei standen.
(s. Badhaus, Beizjagd, Bordell, Fahrende, Feste, Gasthäuser, Jagd, Kartenspiel, Kegeln, Kinderspiele, Marionettenspiel, Musik, Rätsel, Rithmimachia, Schach, Schützengilden, Spinnstube, Sport, Spielleidenschaft, Spielleute, Tanz, Theater, Turnier, Würfelspiel)