Burg

Aus Mittelalter-Lexikon
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Burg (mhd. burc, ahd. bur[u]g, german. burh = urspr. [befestigte] Höhe, später Wohnturm; grch. pyrgos, lat. burgus, beide = Wachturm, auch befestigte Stadt, Vorstadt; mhd. häufig "daz hus", lat. auch arx, castellum, castrum.) Unter burc verstand man im FMA. sowohl einen Wehrbau (s. Hausberg, Motte), wie auch einen befestigten Stadtbezirk; so hat es z.B. im 10. Jh. in Konstanz drei Bezirke mit der gleichen Bezeichnung "Burg" gegeben: die Bischofsburg, die der Kaufleute und die der Handwerker. Der Terminus "Burg" bezeichnet also eine Zufluchtstätte der einheimischen Bevölkerung (Fliehburg) ebenbso, wie eine Siedlung im Schutz einer Wehranlage (Vorburgsiedlung, s. suburbium) und einen besonderen Stadtbezirk.
Die militärische Besatzung bestand aus wechselnden, später aus stehenden Mannschaften von milites. Die Burgenordnung Heinrichs I. führte während der Ungarneinfälle im ersten Viertel des 10. Jh. zu einer regen Burgenbautätigkeit, wobei die Holzbauweise zunehmend durch Steinbau ersetzt wurde. (Über Holzburgen hat man nur wenige Kenntnisse, da sie kaum Spuren hinterlassen haben.) Ein weiterer Bauschub begann um die Mitte des 11. Jh., als während einer Krise der Zentralgewalt (des König- und Herzogtums) die reicheren Adeligen ihre Macht und Autonomie durch Inanspruchnahme der Befestigungshoheit demonstrierten. 1184 gestand Kaiser Friedrich I. Barbarossa den weltl. und geistl. Fürsten das Befestigungsrecht per Reichsgesetz zu. Zu den königlichen Burgen gesellten sich immer mehr Adelsburgen, gelegen auf Eigengut oder auf Lehnsgut, als Zentren der jeweiligen Herrschaftsbezirke. Die Burgherren benannten sich und ihr Geschlecht meist nach dem Namen ihrer Stammburg, so etwa die Staufer nach Hohenstaufen.
Ma. Burgen des Abendlandes waren multifunktionale Anlagen – Wohnstatt, Imponierbau, Festung, Verwaltungs-, Wirtschafts-, Gerichts- und Bevorratungszentrum sowie geschützter Handwerksplatz, Gefängnis, Mautstation und Beobachtungsposten zugleich; sie wurden zur Befriedung und verwaltungstechnischen Absicherung über das jeweilige Herrschaftsgebiet verteilt. Zu Beginn des 13. Jh. begann die Hauptphase des ma. Burgenbaus, während der sich der Burgenbestand verdoppelte, in manchen Gegenden verdreifachte. Nunmehr emanzipierten sich die mittleren und unteren Adelsschichten und sicherten ihre Unabhängigkeit durch Burgenbau. Bis zum Ende des 13. Jh. wuchs die Zahl der Burgen im deutschsprachigen Raum auf etwa 13.000 an.
Die Burganlagen sind äußerst vielgestaltig und unterscheiden sich nach landschaftlicher Lage, geschichtl. Eigenschaften und baulicher Form (W. Hotz). Burgen wurden angelegt auf einem gut zu verteidigenden Berggipfel als ®Höhenburg, in steilen Felswänden als ®Höhlenburg oder ausgehauene Burg, ferner als Hangburg oder als Niederungsburg (von einem Wassergraben oder natürlichem Gewässer umgeben: ®Wasserburgen, Uferburg oder Hafenburg). Von der geschichtl. Eigenschaft her werden unterschieden: ®Reichsburgen, Allodiale Burgen (Eigenburgen des Ur- und Hochadels), Lehensburgen, Ministerialenburgen, ®Ganerbenburg, ®Landesburgen, ®Kirchen- und ®Klosterburgen, ®Ordensburgen, Stadt-, Dorf- und Gutsburgen. Der Form nach unterscheidet man grob zwischen Zentralanlagen (z.B. Randhausburgen oder Ringburgen mit Mittelturm oder Mittelhof) und Axialanlagen (z.B. Schildmauerburgen, ®Abschnittsburg).
Ring- wie Axialburgen waren von einer Mauer (Bering, Zingel) mit Türmen und Warten umgeben. Bei doppeltem Mauerring entstand zwischen innerer und äußerer Mauer der ®Zwinger, eine Freifläche, auf der eingedrungene Gegner von zwei Mauerkronen herab besonders wirkungsvoll bekämpft werden konnten. Als wichtigster Verteidigungsbau war die Mauer besonders massig und hoch angelegt. Sie wurde in Schalenbauweise mit dazwischenliegendem Füllwerk erbaut. Das Innere der Burg konnte nur durch das besonders stark befestigte ®Burgtor betreten werden und bestand im wesentlichen aus dem Burghof, dem Wohnbau (s. palas, hus) und dem ®Bergfried (Wachturm und letzte Zufluchtsstätte). Der Burghof wurde um den Vorteil eines kürzeren und leichter zu verteidigenden Mauerberings meist möglichst klein gehalten. Der Wohnbau enthielt Wirtschafts- und Vorratsräume, eine Festhalle sowie Wohn- und Schlafräume (®Kemenate). Im benachbarten Wirtschaftsbau, der oft nur aus Fachwerk gezimmert war, fanden sich Stallungen und Unterkünfte für Mannschaft und Gesinde. Daneben gab es eine ®Burgkapelle, einen Kornspeicher, eine Schmiede, ein Verlies, ein Wasch- und Badehaus, Back-, Brau- und Schlachträume sowie einen ®Burgbrunnen und/oder eine ®Zisterne. Die die Ableitung der Abortanlagen erfolgte durch Mauerschächte oder kleine Erker (s. Aborterker) an den Außenmauern.
Das Umfeld einer Burg, welcher Art auch immer, war von Wald, Sträuchern und Buschwerk freigehalten, um dem Angreifer keine Deckung zu bieten und den Burgmannen ungehinderte Sicht und freies Schussfeld zu gewährleisten.
In die Burg gelangte man durch ein besonders stark befestigtes und gesichertes ®Burgtor mit wenigstens einem Torgraben, mit ®Zugbrücke, ®Fallgatter und Tortürmen. Die Toranlage wurde manchmal zu einer regelrechten Torburg ausgebaut. Wo das Tor über einen Steilweg zu erreichen war, war dieser so geführt, dass Angreifer zwangsläufig den auf den Mauern stehenden Verteidigern die rechte, also nicht durch den Schild geschützte Seite zuwenden mussten.
Nachdem etwa ab 1320 das Schießpulver die Kriegsführung revolutionierte, änderte sich auch der Burgenbau. Anstelle der hochaufragenden Bauten wurden ab dem ausgehenden 14. Jh. geduckte, vielgliedrige, gestaffelte, mit starkem Mauerpanzer versehene Festungen (veste) errichtet, um den Beschuss mit Mörsern und Kanonen besser überstehen zu können. Diese Festungen dienten ausschließlich militärischen Zwecken, die adelige Herrschaft nahm Wohnung in Schlössern und Stadtpalästen.
In der Allegorie des Minnesangs steht die Burg für die umworbene, zu erobernde Frau, auch für den weiblichen Schoß. Der Sexualakt wird als kriegerische Eroberung der Burg mit erhobener Lanze ("cuspide erecta") umschrieben.
(s.a. Befestigungsrecht, Donjon, Fensternische (s. Fensterbank), Geschlechtertürme, Merker, Motte, Wächter, Wohntürme)